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Sebastian Bark: Warum am Ende alles kaputtgehen muss
Scheitern mit Krenek und Melville
1. Hochmut kommt vor dem Fall. Mit diesem Sprichwort faßt der Erzähler in Melvilles Glockenturm die Geschichte vom Glockengießer und Erfinder Bannadonna am Ende zusammen. Auch Kreneks Bearbeitung erscheint wie eine einzige dramatische Ausformulierung dieser Weisheit: Jemand ist berühmt und erfolgreich, wird dann überheblich und skrupellos und verliert am Ende alles. Natürlich fehlt es in beiden Fassungen nicht an klugen und umsichtigen Menschen, die vor der Katastrophe warnen. So kündet Kreneks Giovanni-Figur in allen seinen Repliken vom drohenden Untergang oder ahnt die satanische Inspiration des genialen Bannadonna. Ähnliches gilt für die paranoischen Senatoren. Besonders bei Melville verbinden sich die Ängste und Vorahnungen der Figuren noch mit einem Netz aus zitierten Mythen und biblischen Geschichten etwa über die Sintflut, den Turm zu Babel, die Mordgeschichte um Deborah und Siseras sowie Beschreibungen von unheimlichen Gemälden zu diesen Geschichten, Erinnerungen an ähnliche Konstellationen usw. Mehrere legendäre Katastrophenszenarien stehen also dem riskanten Glockenprojekt gegenüber und zerren die technische Innovation in einen unvorteilhaften Kontext aus alten Metaphern und Vergleichen. Und am Ende behalten die ängstlichen Fortschrittsfeinde recht. Ein entscheidender Unterschied zwischen Melvilles Novelle und Kreneks Libretto liegt aber in der Perspektive auf die Ereignisse: Melvilles Erzähler folgt nicht dem chronologischen Verlauf in den Abgrund, sondern rekonstruiert das Fiasko als einen interessanten und mysteriösen Fall. Aus seiner nachträglichen Sicht auf die Dinge scheint zwar jede böse Vorahnung berechtigt und die Dramaturgie der biblischen Geschichten eingehalten. Im Detail erweist sich Bannadonnas Scheitern aber als Verkettung unglücklicher Zufälle und kleiner Fehler. Und sein Projekt ein neuartiger Automat, der nicht nur die Riesenglocke anschlagen, sondern im Ende überhaupt alle menschliche Arbeitskraft technologisch ersetzen soll erläutert der Erzähler sogar mit einigem Respekt, wenn nicht Faszination. Bei Krenek dagegen wird das gemeine Wissen des Sprichwortes rundheraus bestätigt, sogar überboten: Hochmut kündigt nicht einfach nur einen tiefen Fall an, sondern in diesem Fallen offenbart sich noch die ganze Eitelkeit und der abgründige Zynismus des Projekts und der Arbeitsmethoden. Die Riesenglocke und der innovative Schlagmechanismus sind nicht nur übermäßig und verstiegen, sondern das alles ist, wie man spätestens in der dritten Szene erfahren muß, die Ausgeburt eines monomanischen und bösen Zauberers. Es ist ein Detail aus Melvilles Vorlage, das Krenek zu einem zentralen Motiv seiner Bearbeitung aufwertet, und das der Frage nach Schuld und Verantwortung ihre Ambivalenz zurückgibt: Gerade die Stelle, an der die Glocke am Ende zerbricht, war zuvor beim Guß durch das Blut Giovannis verunreinigt worden, der den Gießvorgang aus Angst und Sorge unterbrechen wollte und dafür von Bannadonna erschlagen wurde. Und aus der Sicht der hoffnungsvollen Innovation gesprochen: Die Unke Giovanni verspritzt ihr Blut in den flüssigen Stahl und verhilft damit der eigenen Prophezeiung zur Geltung. Vielleicht ist es gerade das Geflecht aus mythischen Vergleichsgeschichten und sprichwörtlichem Pessimismus, das sich bleischwer um das neue, hoffnungsvolle Projekt schlingt und das in seiner vorgefertigten, trüben Allgemeingültigkeit hier die heikle Glockenspeise verdirbt. 2. Dass Hochmut vor dem Fall kommt, ist aber nicht nur die neidische Hoffnung vorsichtiger Pessimisten (wie Bannadonna meint), sondern eine Tendenz, die man durch moderne Wahrscheinlichkeitsrechnung erklären kann. Solche Rechnungen weisen historisch zurück auf die Lebenswelt des frühkapitalistischen Unternehmertums der frühen Neuzeit, als man begann, unergründliche kosmologische Zusammenhänge durch Wahrscheinlichkeitsrechnungen zu kalkulieren und überhaupt risikoorientiertes Verhalten erstmals gesellschaftlich eingeübt wurde. Gerade hier spielt die Geschichte vom Glockenturm: in einer italienischen Renaissance-Stadt, die sich, durch Handel zu einigem Reichtum gekommen, jetzt ein großes Statussymbol leistet. In einer dieser italienischen Städte und Stadtstaaten des 12. und 13. Jahrhundert also, in denen auch der Begriff »Risiko« zum ersten Mal auftaucht. Risikoorientiertes Verhalten setzt ein bestimmtes Natur- und Selbstverständnis voraus, das gegebene Unsicherheiten nicht einfach als schicksalhafte Bedrohung oder undurchsichtige göttliche Pläne ansieht, sondern als Wagnis. Ein Risiko einzugehen bedeutet, trotz prinzipieller Unsicherheit, handlungs- und entscheidungsfähig zu werden. Dieser Spielraum entsteht, wenn man so will, durch eine so rationale wie respektlose Wette gegen Gott und die Natur. In seinem Triumphgesang jubelt Bannadonna: »Alles ist bewältigt! Leben selbst niedergezwungen unter unausweichliche Berechnung. Zufall hat verspielt.« Es gehört zu den merkwürdigen und interessanten Wendungen von Kreneks Bearbeitung, dass sein Bannadonna diese Ekstase zweckrationaler Kalkulation ausgerechnet auf dem Höhepunkt seiner irrationalen, düsteren Machenschaften als Zauberer formuliert. (Melville hatte den Alchimieverdacht noch ausdrücklich von seinem Bannadonna einem kühlen Mechaniker abgewehrt.) Wie umsichtig oder tollkühn Bannadonna seine Risiken auch kalkuliert für die Arbeiter und Bürger der Stadt, die seine Entscheidungen weder nachvollziehen noch verhindern können, stellt er eine unkontrollierbare Gefahr dar. Im Schadensfall können nur uneindeutige Kausalitäten konstruiert werden, und Schuld und Pech sind so wenig auseinanderzuhalten wie die menschlichen von den technischen Anteilen in dem todbringenden Uhrmechanismus. Die Doppelgesichtigkeit von Kreneks Bannadonna ein innovationsfreudiger Unternehmer, der sich als manischer, selbstsüchtiger Zauberer entpuppt entspricht den Hoffnungen und Ängsten, die seine paralysierte Umwelt auf ihn projiziert. 3. Am Ende kommt alles noch viel schlimmer als erwartet. Unverzeihlich wäre ja schon, wenn die teure Glocke unsauber klänge. Aber hier bricht sie gleich ganz auseinander, und der Glockengießer selbst wird erschlagen von einer Maschine, in der sich wiederum, wie man vermuten muß, die weiterverarbeiteten Reste seiner hypnotisierten Geliebten befinden. Bei Melville gibt es zwar keine verzauberten Frauen, dafür stürzt die Glocke vom hohen Turm und dieser bricht schließlich noch in sich zusammen. Trotzdem entspricht dieses Fiasko weder bei Krenek noch bei Melville der biblischen Strafe, die z.B. die Turmbauer von Babel traf. Vielmehr erscheint Bannadonnas Scheitern als eine schleichende Entwicklung aus Fehlern, Lügen, Heimlichkeiten und Sabotage. Für diesen Zusammenhang liegt eine Schlüsselszene der Oper am Beginn der zweiten Szene. Hier sehen wir Bannadonna allein in seiner Werkstatt, wie er im Guß den verhängnisvollen Fehler entdeckt. In dieser Szene stellt Krenek seine Hauptfigur bloß: Wir wissen ab jetzt, daß Bannadonna blufft; seine Glocke ist fehlerhaft, alles weitere sind nur Lügen und Ausflüchte. Durch diese unerwartete Einsicht gewinnt die Geschichte aber ein neues Thema: Nicht mehr das Gelingen oder Scheitern stehen in Frage, und auch nicht die Rekonstruktion eines Unfallhergangs wie bei Melville, sondern die geschickte Verwaltung, Verschiebung und Verschleierung eines Bankrotts. Ab jetzt sehen wir Bannadonna dabei zu, wir er durch seine Betriebsgeheimnisse und die ständige Ankündigung neuer geheimer Projekte den Kurs seines Unternehmens hoch hält und durch seine Heimlichtuerei die öffentliche Aufmerksamkeit an sich bindet. Umgekehrt setzt die Erwartung der Investoren den Erfinder unter ständigen Druck und fordert damit implizit ein geschicktes impression management. Denn was den Kurs steigen oder einbrechen läßt, ist immer eine so unauflösliche wie widersprüchliche Verbindung von Behauptungen, genauen Analysen und irrationalen Effekten. Unter dieser Perspektive fällt auf, daß sich im Glockenturm alles um Geheimnisse, Heimlichkeiten, Enthüllungen und Verschleierungen dreht. Von Anfang an macht sich der große Erfinder rar, verweigert Auskunft und Zutritt, ist seiner Umgebung ein Rätsel. Auch davon handelt die Geschichte: wie sich Öffentlichkeit widersprüchlich um ein Geheimnis gruppiert, oder mehr noch: im Dunstkreis des Geheimnisses erst entsteht. Die Glocke selbst ist dafür die große Metapher ihr Läuten, das Öffentlichkeit herstellt, indem es die Gemeinschaft synchronisiert und im großen Klangraum zusammenbindet, ist das Ergebnis der geheimgehaltenen und dunkel-alchimistischen Techniken des Glockengießens sofern der Guß überhaupt gelingt. |
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