Berliner Zeitung, 7. Mai 2004

Zuallererst: Diese »Antigone« in den Sophiensaelen ist eine unbedingt sehenswerte Produktion. Was immer sich an Einwänden gegen diese Arbeit der freien Opernkompagnie Novoflot vorbringen lässt ... ändert nichts an der Tatsache, dass ein so lebendiger und spannender Opernabend wie dieser in Berlin derzeit für sich steht. ... Was Vicente Larrañaga mit dem Novoflot-Orchester erreicht hat, schließt an seine Erfolge mit Kreneks »Glockenturm« und Milhauds Minuten-Opern an. Jede Phrase wird hier gespannt durchartikuliert, schon im durchbrochenen Satz der Ouvertüre mit seinen unruhigen Holzbläserfigurationen ist die großrhythmische Übersicht souverän und das Orchesterspiel makellos. Auch die Koordination mit den Sängern und dem durchschlagkräftigen Chor (Einstudierung: Fausto Nardi) funktioniert perfekt. ... Man sieht schon, dass es hier stärker als sonst im Musiktheater um Körper geht; ... und was die jungen Sänger, völlig unangestrengt wirkend beim Singen auch noch physisch leisten, das wird uns den nächsten Besuch in einem Berliner Opernhaus verleiden. ...
Geschickt ist auch der Einsatz von Live-Einspielungen mit der Videokamera und vorgefertigten Filmen... Die Inszenierung mag die Konflikte des Dramas auf handgreifliche Personenbeziehungen reduzieren und damit trivialisieren; aber eines kann man ihr nicht vorwerfen: langweilig zu sein.


tip Berlin, 10 / 04

... Wie also inszeniert man heute »Antigone«, das Drama einer Oppositionellen, die dem königlichen Dekret zum Trotz ihren Bruder beerdigt und dafür stirbt? Am besten so wie die junge Berliner Opernkompanie Novoflot. Unter Sven Holms Regie wird Tommaso Traettas Oper von 1772 ... zu einem sehr gegenwärtigen Konkurrenzkampf: Der Zankapfel ist zusehens abhanden gekommen, Haltungen sind telegene Attitüden, und wer sich zur Rebellion aufschwingt, erschauert in erster Linie wohlig vor der eigenen Pose. Antigone (Gesa Hoppe) stylt sich für die Beerdigung wie für eine After-Work-Party, ihr Verlobter Emone (Gillian Crichton) plaudert seine Beziehungsansichten in Kaugummienglisch von der Videoleinwand, und auch der Rest des wunderbaren Ensembles überzeugt glänzend. Bei alledem verfügt die Regie über einen wirksamen Klischeefilter: Dank kluger Brüche, des hohen musikalischen und schauspielerischen Niveaus und des bestens aufgelegten Orchesters unter der Leitung von Vicente Larrañaga wird diese zeitnahe »Antigone« nie eindimensional.


taz Berlin, 7. Mai 2004

... Diese Inszenierung von Sven Holm und seinem Team Novoflot will barockes Musiktheater aus neuer Perspektive zeigen, eigentlich ganz im Sinne von Tommaso Traettas »Antigona«, einer italienischen Reformoper aus dem Jahr 1772. Sie ist eine Verführung zur Gattung Oper, die man weder an diesem Aufführungsort noch in einem so intimen Rahmen zu sehen gewohnt ist. Kein Graben trennt von dem jungen Orchester, das am Rande der Bühne sitzt.
... Diese Antigone ist aufbrausend und emanzipiert, vor allem aber ist sie sich selbst genug. Die anderen ringen um Aufmerksamkeit, Antigone ist der Star. Das Medium Film hat sie längst für sich entdeckt. Zu Ehren des Begräbnisses wirft sie sich vor der Kamera in Schale; in Großaufnahme filmt sie sich später über dem eigenen Grab, wie eine Filmdiva kurz vor dem Martyrium: »Oh Grab, oh Brautgemach!« ... Diese Antigone (Gesa Hoppe) ist aber auch selbstgerecht und furchtbar intellektuell. Weil ihr Bräutigam Haimon sie retten will, wagt er zu behaupten, er habe Polyneikes begraben. Sein amerikanisch-englisches Gequatsche - »yeah, I fucking did it« - kontert sie mit deutscher Intellektuellenhaltung: einer germanistischen Interpretation des Antigone-Mythos. ... Der Einfallsreichtum lauert in allen Ecken der Inszenierung. ...


Berliner Morgenpost, 7. Mai 2004

... Nun zeigt die junge Berliner Operntruppe Novoflot in den Sophiensaelen sein Hauptwerk »Antigone«, übersetzt mit Ecken und Kanten und überraschenden Wendungen in eine heutige Bühnensprache. Regisseur Sven Holm lässt beim Krieg um Theben Kampfsportler zum Einsatz kommen. Live-Kameras halten die Gefühlsausbrüche der Sänger in Großaufnahmen fest. Beim Singen wird ihnen bis in den Rachen geschaut. Gewitzt sind kleine Filmepisoden eingebaut, die aus dem »Festsaal« der Sophiensaele hinausführen. ... Originell ist auch, wie die Sänger zu Traettas Musik im individuellen und modernen Freistil tanzen. Ismene übt Tai-Chi, Antigone schwingt die Hüften wie ein Musicalstar. ... Hervorragende Sänger und Intrumentalisten machen die Oper zum klangsinnlichen Erlebnis. ... Chor und Orchester unter der Leitung von Vicente Larrañaga sind von der tirilierenden Ouvertüre bis zum trauervollen Abschied engagierte Anwälte für Traettas allzu selten gespielte Musik.


Rheinischer Merkur, 19 / 2004

... Novoflot spielen mit dem Pathos der Oper und hinterfragen sie mit Witz und Ironie. Holm und Larrañaga haben aus Traettas Komposition alle Secco-Rezitative und einige Chöre gestrichen, um Platz für zeitgenössische Darstellungsformen zu machen. Mit Tanz, gesprochener Sprache, Video und projizierten Texten setzen sie den Inhalt der gestrichenen Stellen neu um. ... Die Inszenierung zeigt eine komplexe Gleichzeitigkeit von hohem musikalischen Opernniveau und völlig opernuntypischen Szenen. ... Dieses Spiel mit den »wahren« Personen hinter den professionellen Sängern ist Holms Ziel.


Braunschweiger Zeitung, 8. Mai 2004

... Hart, aber treffend. Die Ausstattung im verwitterten Festsaal ist karg, die Kostüme alltäglich, die Wirkung stark. ...


Orpheus, September/Oktober 2004

... Wer sich am 7. 5. auf Traettas rare Antigone gefreut hatte, sah sich bitter getäuscht ... Zum einen ist das Ambiente dieser Bauruine [Sophiensaele] vielleicht für Discos geeignet, sicher nicht für Oper. ... Und drittens war die »Inszenierung«, will sagen Präsentation, ... so grotesk, so bizarr und so abscheulich, daß man sich nach Schlingensief, Kupfer oder Konwitschny geradezu sehnte. Regisseur Sven Holm hatte im kleinen schmutzigen Saal ein Zuschauerpodest aufbauen lassen und ließ davor in (natürlich rattenhäßlichen) Gegenwarts-Kostümen ein wirres Treiben um irgendwelche uninteressanten Vorgänge ablaufen. ....
So idiotisch die Präsentation war , so achtunggebietend war die musikalische Seite ... Mit Vicente Larrañaga stand ein junger, energischer Leiter vor dem kleinen Orchester, der die wunderbare Musik Traettas ebenso wunderbar beförderte, sie zu hohen Höhen emporhob, sie mit den spielfreudigen Musikern zu dichtem Klang verwob. Allein die Holzbläser verdienen eine Hymne. Und es wurde gut gesungen! In der Titelpartie machte Gesa Hoppe mit interessantem, nicht immer so idiomatischem Sopran auf sich aufmerksam und sie meisterte leuchtende Bögen ebenso wie beste Deklamation. Hervorragend war auch Hanna Dóra Sturludóttir als kommentierende Ismene voller Pathos und Sinn für die Linie. ... Der Chor ... (Fausto Nardi) schlug sich trotz seiner Optik tapfer. Musikalisch also hätte man sich freuen können, hätte man eine Augenbinde mitgebracht. ...


Klassik in Berlin, 5. Mai 2004, www.klassik-in-berlin.de

... Mit viel Spaß und Einfallsreichtum gehen die jungen Künstler die ernste Materie an. ... Was an einer großen Oper mit viel Pyrotechnik und Kulissenzauber in Szene gesetzt werden kann, wird hier durch geschickten Videoeinsatz, mit klugem Symbolismus und in schlicht-praktischer Ausstattung dargestellt (Bühne: Leonie von Arnim, Kostüme: Daniela Selig). Die innovative Einbindung und Nutzung der Technik (Video: halbbild), das Spiel mit unterschiedlichsten Formen, Gattungen und Referenzen ist ein Merkmal dieser Inszenierung. ... Hier ist viel filmischer Einfluss zu sehen, und die vom Film gelernten Erzähl- und Zeigetechniken werden souverän und geschickt für die Kunstform Oper genutzt. Mit großer szenischer Fantasie bebildert die Regie nicht nur, sondern schneidet Szenen übereinander, lässt kontrastieren und kommentieren und erweitert so auf höchst spannende und unterhaltsame Weise den Darstellungsapparat der Oper.
Erfrischend ist auch der in Opernproduktionen sonst leider viel zu seltene Humor, mit dem die jungen Künstler inszeniert haben und jetzt spielen, ohne dass sie dabei die Figuren und ihre Geschichte veralbern oder denunzieren. Die Menschen auf der Bühne und im Orchester haben sichtlich mindestens genau so viel Spaß wie das Publikum, und das verleiht dem Abend eine ganz eigene zusätzliche Dynamik. ... Das etwa 20-köpfige Orchester unter der Leitung Vicente Larrañagas spielt transparent und mit viel Schwung. Die Solisten, denen in dieser schnellen Inszenierung auch körperlich einiges abverlangt wird - bis zur Prügelei während des Singens - meistern ihre Rollen hervorragend. ... Eine kluge, durchdachte Dramaturgie (Sebastian Bark) rundet das positive Gesamtbild bis hin zum geistreich-witzigen Programmheft ab. Ein rundum schlüssiger, gelungener, unterhaltsamer und intelligenter Opernabend.


Jahrbuch TheaterHeute 2004
Nominierung von Sven Holm zum Nachwuchskünstler des Jahres