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Berliner Zeitung, 19. Januar 2005 In Galaxien des Nichtwissens
Am Freitag wird beim Ultraschall-Festival die Opernsaga »Kommander Kobayashi« gezeigtWer sich am Freitag beim Ultraschall-Festival die Opernsaga »Kommander Kobayashi« ansieht, der wird das Büchlein zu schätzen wissen, das der Aufführung beigegeben ist. Der Besuch sei hier gleich empfohlen. Das Büchlein nun schließt an die große Zeit an, als das Publikum während der Opernvorstellungen mitzulesen versuchte. Damals las man ein Libretto, das den gesungenen Text und seine Formen wiedergab Mozart sprach vom »Büchel«. Im Fall des »Kommander Kobayashi« von Formen und gesungenem Text zu sprechen, wäre höchst propagandistisch. Aber das Büchlein enthält ein Konzept. Kunstvoll kreist es um eine Sache, die man gerade im All in beeindruckender Größe anzutreffen glaubt. Das Nichts. Eine Opernsaga über Nichts? Nun ja wo sich so viel Kunst um Nichts bewegt, da wird dann doch etwas sein. »Gibt es überhaupt noch eine Reise?«, fragt das Büchlein: »Ob man sich noch bewegt, ob man je ankommt, wo auch immer man weiß es nicht«. Paradox der Kunst! »Doch eine leise Ahnung schwingt in den Raumfahrern wie ein vertrauter aber kaum mehr wahrgenommener Klang: Es gibt noch etwas zu tun.« Bei der Uraufführung der Saga am vergangenen Freitag an der Oper in Hamburg gab es Besucher, die im Nichts nicht viel erkennen konnten anders als die Freunde der vielen Ausführenden, Insassen des gleichen Generationenkohorten-Raumschiffs. Die einen wunderten, die andern amüsierten sich. Wundern wird sich jeder, der in der Disposition der Mittel schon die Sache sehen möchte, das Positive: Sechs Komponisten und Komponistinnen schrieben nacheinander einen Beitrag für die Saga. Ganz im Sinn des reglosen Reisens, der ziellosen Bewegung ergeben die Einzelstücke jedoch kein Stück. Die Tonfälle ändern sich, manchmal die Dekoration. Die Gesichter der sechs Darsteller kennt das Publikum bald, das wäre immerhin etwas, was der Saga Kontinuität verliehe. Hin und wieder wird etwas gesagt, hervorgestoßen oder gesungen. Einen Sinn, als Bedeutung in gerichteter Bewegung, ergibt es nicht. »Selbstauslegung ist die avancierteste Antriebstechnik«, sagt das Büchlein. Das glaubt man; von irgendwo muss der Antrieb ja kommen, sonst erlebte man hier nicht Nichts, sondern gar nichts. Aber selbst der Raum der Subjekte hat hier keinen Kern. Man braucht das in seiner Auslegung tätige Selbst daher gar nicht zu kennen. Es reicht, mit seinen medialen Erfahrungen bekannt zu sein. Wer von Film- und Fernsehserien wie »Raumschiff Enterprise« etwas gesehen hat, wer ein Computerspiel kennt, das im Weltraum handelt, der kennt sich im Raum von »Kommander Kobayashi« aus. Oder er hat das Gefühl, er kenne sich aus; das reicht. »Kommander Kobayashi« ist dabei kein bloßer Travestie-Jux. Das, was man vielleicht schon kennt, erscheint sogar wie ausgeräumt. Die Dichte der Zeichen ist nicht hoch. Im Spiel von Referenz und Desorientierung sind auch die Anspielungen nur ein Moment, gerade das Ausgeräumte, die Kahlheit zeichnet den Abend aus. Unter den sechs Komponisten hat Moritz Eggert die kompakteste, die konkreteste Musik geschrieben, Tonfälle von Strauss bis Hitparadenpop, metiersicher aneinandergeschnitten. Zu Zeiten der Postmoderne hat man ein solches Können bewundert, im Zusammenhang des »Kommander Kobayashi« entsteht dagegen der Eindruck, »der weiß zu viel«. Man glaubt es nur nicht. Die Saga bezieht ihr Pathos aus dem Gefühl, in Galaxien des Nichtwissens zu treiben. Das erzeugt eine Schwerelosigkeit, die die Postmoderne noch nicht kannte. Dagegen hat Helmut Oehring, der sicher versierteste unter den Kobayashi-Komponisten, offenbar etwas von den Gefahren der Bestimmtheit bemerkt, die in diesem Projekt liegen. Sein Beitrag zur Saga stellt ein Klang- und Aktionskontinuum her, hier werden bekannte weltraumhafte Soundtypen eigentümlich variiert. Zusehends wird dieses Kontinuum aber von Momenten des Absurden, ja blinder Aggressivität durchschossen. Aggressivität, bis hin zum Ausschalten anderer Figuren, spielt nun überhaupt eine Rolle in »Kommander Kobayashi«. Vielleicht muss sie aus dem dort gefeierten Zustand der Orientierungslosigkeit entstehen. Für das »Werk«, das Musiktheater als Hergestelltes hieße das: Aggression tritt an die Stelle des Ausdrucks, als dessen kontingenteste, also unmotivierteste, zufälligste Form. Wirklich eindrucksvoll tritt das in dem Kapitel der jungen irischen Komponistin Jennifer Walshe in Erscheinung. Ihre Figuren enthalten kaum noch einen psychologischen Kern, jeder der mechanischen Hunde, die sie zeigt, besitzt mehr Ausdruck als die Humanoiden ihrer Bühne. Oft hört man kaum einen Ton, noch nicht einmal ein Geräusch, Einmal spielt eine Darstellerin auf einem elektronischen Gerät, eine Art Ondes Martenots, die jedoch durch Handbewegungen in unsichtbaren elektrischen Felden gespielt werden - Tonhöhe, Rhythmus und ein vox-humanahaftes Vibrato sind so darstellbar. Das Lied ist alt, »Flow my Tears«. Das kleine Orchester spielt den Satz von John Dowland dazu in einer Form, in der noch das Rascheln von Papier zum musikalischen Zeichen wird. Nichts folgt daraus. Keine Tränen, alles bleibt trocken. Der mechanische Hund wackelt mit dem Kopf. Wir haben es hier mit einer großstädtischen Abendunterhaltung zu tun, deren Chic in der Gleichsetzung von Selbstauslegung und Selbstauflösung liegt. Gängige Coolness wirkt dagegen wie ein Lagerfeuer. Klaus Georg Koch |
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taz Berlin, 21.Januar 2005 Die Mission der Stimmen
Sven Holm inszeniert Opern, bei denen Sänger und Zuhörer über die Grenzen des Gewohnten gebracht werden. Da ist es nur folgerichtig, dass die Oper auch mal zum Raumschiff wird. In den Sophiensælen hat heute »Kommander Kobayashi« PremiereEine Oper allein reicht wohl nicht. Gleich eine ganze Staffel muss es sein: »Kommander Kobayashi« tritt an, in einer Opern-Saga die Welt des Singbaren neu zu begründen. Die erste Staffel, ab heute in den Sophiensælen, besteht aus vier Pilotfolgen und zwei Kurzopern, macht zusammen sechs Uraufführungen zeitgenössischer Musik! Aber nichts ist hier so schwer wie die Opern aus Wagners Ring. Sven Holm ist nicht nur Regisseur des Projekts, sondern hat auch zusammen mit Vicente Larranaga (musikalische Leitung) und Sebastian Bark (Dramaturgie) die Gruppe Novoflot gegründet. Klickt man ihre Website an, startet zuerst eine Rakete, dann kommt die Seite mit ihren Opernprojekten. »Kommander Kobayashi« ist die erste Komposition, die im Auftrag von Novoflot entstand: Das Konzept der Saga, die Figuren und einige Sänger werden den Komponisten vorgegeben. Fast wie in den Fernsehserien, die das neue Opernformat zitiert. »Hierarchien umdrehen«, nennt Sven Holm das. »Mich interessiert eine multiperspektivische Sicht auf Musik, unterschiedliche Blicke auf die Gattung Oper zu werfen«, sagt Sven Holm. In seiner Inszenierung der »Antigone«, einer Barockoper von Tommaso Traetto, wollte er wissen: »Kann diese Figur auch in der Gegenwart noch einen Standpunkt finden?« Er blendete literaturkritische Texte über den Mythos der Antigone ein, brach den Bewegungsgestus der Opernsänger mit der Körpersprache von Pophelden, ließ die Sänger in ihren Muttersprache über ihre Rollen streiten. Der Gesang kam über diese Verfremdungen nicht zu kurz, sodass selbst die Kritiker, denen Holms Stil nicht passte, in ihren Verrissen die musikalische Qualität lobten. Die ist auch für Sven Holm entscheidend. Auch wenn seine Inszenierungen sehr lustig sind, auch wenn überall Elemente des Zeichentrickfilms genutzt werden, Musik und Gesang werden nie an die Karikatur verraten. Holm ist ausgebildeter Musiker, er war Pianist, hauptsächlich für Jazz, bevor er sich für die Oper interessierte. »Lange war mir Oper wahnsinnig fremd, diese absurde Werktreue und mangelnde Alltäglichkeit.« Erst spät sei er dazugekommen, mit 24 erst habe er ein Studium der Opernregie an der Hanns-Eisler-Schule begonnen. Na ja, besonders spät ist das ja nicht. Zumal es von da an in schnellen Schritten weiterging. Schon während des Studiums inszenierte Holm am Stadttheater Annaberg Schauspiel und Opern. Bis er sich mit dem Intendanten stritt, der um sein Publikum fürchtete. »Nettes für Abonnenten, das kann ich nicht«, zieht er ein Resümee. 1999 begann er sein erstes freies Opernprojekt, schon damals mit Vicente Larranaga. »Wir haben die gleichen Ideen über Tempi, wie man mit Emotion und Erzählung umgeht.« Die Konkurrenz zwischen musikalischer Leitung und Regie fehlt deshalb bei Novoflot. Dritter im »Dreamteam« wurde Sebastian Bark als Dramaturg, auch Mitglied von She She Pop und somit performanceerfahren. Performance ist überhaupt einer der Schlüssel, mit denen Novoflot den geschlossenen Werkcharakter der Oper knacken will. Weit öffnet sich ihr der letzte Teil von »Kommander Kobayashi«, den Jennifer Walshe, junge Komponistin aus Dublin und selbst Performancekünstlerin, entwickelt hat. »Den Sängern was vor den Latz knallen, was für sie neu ist, das birgt ein größeres Entwicklungspotenzial als bekannte Arien«, glaubt Holm. Bei Jennifer Walshe werden die Stimmen zu Tierstimmen verfremdet. Im Orchester wird neben Schlagzeug, Klavier und Streichinstrumenten mit Bügeleisen, Seifenblasen und Plastiktüten gearbeitet. Manchmal bürstet ein Musiker vor dem Mikrofon das Fell eines Mammuts. Das ist vielleicht lustiger anzusehen als zu hören. Aber es werden auch die Sinne aus ihrer Ordnung gebracht. Sven Holm selbst sieht sich gerne fremdsprachige Theateraufführungen an. Um herauszufinden, wie sich der emotionale Kern einer Szene mitteilt, wenn man die Sprache nicht versteht. Das kommt seinen Inszenierungen zugute. Zudem schafft er sich durch die Vielzahl von Spielebenen, durch Zitate, durch das Andocken an populäre Formate, einen Freiraum, in dem er Gesang einfach Gesang sein lassen kann, um den Stillstand der Zeit in der Arie auszukosten und es nicht zu übersetzen. In »Kommander Kobayashi« ist die Gattung Oper zu einem Raumschiff geworden. Die »Hermenauten«, wie die Bordbesatzung heißt, haben unentwegt mit der Ausdeutung des Willens des Kommanders zu tun. Der wird gesungen von dem japanischen Tenor Soichi Kobayashi: Von ihm stammt nicht nur der Name, sondern auch die erste Inspiration. Als Sven Holm 1999 das erste Mal mit diesem Sänger arbeitete, konnte der, frisch aus Japan in Berlin eingetroffen, noch kaum Deutsch. Wie er das eigene Missverstehen einbrachte, wurde zu einem spielerischen Element. Denn bei Novoflot geht es auch immer darum, Verstehen und Nicht-Verstehen von Musik ins Verhältnis zu setzen. Nichtopernkenner, die eher Tanz- und Theaterbesucher sind, haben es hier manchmal leichter, den spielerischen Aufbruch der Formen zu genießen. Dafür entgeht ihnen eine gewisse Freude von Novoflot, gegen die Grenzen der Glaubensgemeinschaften in der Musikszene anzurennen. Die erste Staffel von »Kommander Kobayashi«, die im Rahmen des Ultra Schall Festivals für Neue Musik aufgeführt wird, begeht da einige Verstöße, die Sven Holm sichtlich freuen. Wenn er sich vorstellt, wie es Puristen der Neuen Musik gruselt in der von Ricardas Kabelis (aus Litauen) komponierten Episode, die nah an Marschmusik angelegt ist. Oder wie Fans von Helmut Oehring, dem bekanntesten Komponisten an Bord des Projekts, bei Jennifer Walshe zu zappeln anfangen. Aber gerade diese verschiedenen Szenen zusammenzuführen, ist seine Mission. Katrin Bettina Müller |
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Die Welt, 17. Januar 2005 Stochern im Andromedanebel
Neueröffnung der Opera stabile als Raumschiff Kommodore Kobayashi hebt auf Sinn und Zweck pfeifend die StimmungWenn den Autoren der verdrehte Phantasiefaden nicht reißt und den Projektpartnern der Treibstoff für die virtuelle Raumfahrt nicht ausgeht, könnte ihre »Opernsaga« eine unendliche Geschichte werden. Was sie eigentlich jetzt schon ist, spottet sie doch so menschlichen Maßen wie Anfang und Ende, Sinn und Zweck. Kommodore Kobayashi und seine vier »Hermenauten«, die an Bord ihres Raumschiffs »La Fenice« (Der Phönix) das Universum durchpflügen, scheinen einem Kometeneinschlag eher standzuhalten als der irdischen Frage, was ihr intergalaktisches Alptraumtheater eigentlich beinhalte. Obwohl ihr Gattungsname eigentlich auf eine hermeneutische, also sinnschürfende Mission im Kosmos hindeutet. Tatsächlich stochern sie blindlings im Nebel von Raum und Zeit. Sie reden mit gespaltenen Zungen, trällern absurde Reimprosa, geben am Ende nur noch Tierlaute von sich. Das Eigene bleibt ihnen ebenso rätselhaft wie das Fremde. Viel mehr zeichnet sich nicht ab in der Blackbox der neuen Opera stabile, zu deren Einweihung sich die Hamburgische Staatsoper an einer Neuproduktion der Berliner Opernkompanie Novoflot beteiligte, die Ende der Woche auch das Berliner Ultraschall-Festival beglücken wird: »Kommander Kobayashi. Opernsaga, Staffel 1«. Der mehrstündige Abend gliedert sich in drei Blöcke, deren erster vierteilig ist: Vier junge Komponisten aus vier Ländern knüpfen sich hier je einen »Hermenauten« vor, um ihn samt seinen astronautischen Genossen gegen einen irrlichternden Kometen auszuspielen, der über die Videowand spukt. Die Idee eines »Mehrverfasserstücks« ist freilich so neu nicht schon Schumann, Brahms und beider Freund Albert Dietrich huldigten ihr mit einer kollektiven Sonate. Nun zahlen der Finne Juha Koskinen, der Deutsche Moritz Eggert, die Polin Aleksandra Gryka und der Litauer Ricardas Kabelis in eine musikalische Gemeinschaftskasse, die individuelle Prägungen zu verwischen droht. Jedenfalls bricht sich in der viergefächerten Kometenoper anders in den folgenden Einzelstücken »Kobayashi singt« von Helmut Oehring (mit Gebärdensprecher und filmähnlichen Klangschnitten) und »set phasers on KILL!« der Irin Jennifer Walshe (mit Stoffgetier und Geräuschmusik à la Lachenmann) - ein vielfaches Echo aus dem Schatzarchiv der Neuen Musik: von Ligetis »Aventures« über die »empty words« eines John Cage bis zu Dieter Schnebels Maulwerkereien. Die Zeitschleifen des Raumschiffs wecken zudem minimalistische Wiederholungszwänge. Stimmlich, schauspielerisch, tänzerisch und turnerisch leisten die vier »Hermenauten« Sibylle Fischer (Scrabble), Hanna Dóra Sturludóttir (Go), Julia Henning (Tii!) und Meik Schwalm (Ma') Unvergleichliches. Soichi Kobayashi übt sich unter fremden Sternen in kurzatmigem Belcanto. Das Berliner Projektorchester malt unter Vicente Larrañaga die atmosphärischen Spiralnebel und synkopischen Weltraumtänze. Sven Holm (Regie) und Leonie von Arnim (Bühne) spielen virtuos auf der Tastatur ästhetisch beglaubigten Widersinns. |
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Süddeutsche Zeitung, 28. Januar 2005 Intergalaktische Hiobsbotschaften
Hamburgs opera stabile wird wieder eröffnet mit dem Weltallstück »Kommander Kobayashi»Der Aufbruch in die Galaxis, in ferne Welten, vollzieht sich für den Astronauten nicht immer so geradlinig wie im Comic-Heft, in der vorletzten Startrek-Folge. Rätsel wabern. Multikulti führt zum stammelnden Sprachenwirrwarr. Chronologien brechen zusammen, und sie tun das vor allem im intergalaktischen Drei-Stunden-Epos »Kommander Kobayashi«, mit dem die »opera stabile«, Hamburgs Spielart fürs musiktheatrale Experiment, nach drei Jahren wiedereröffnet wird. Im neuen Gewand. Am neuen Ort. […] Zunächst jedoch atmet man die Luft von anderen Planeten. Der »Kommander Kobayashi«, eine Berliner Coproduktion des Off-Ensembles Novoflot und des Ultraschall-Festivals, besucht die Hansestadt und kommt so zahlreich, wie man das wohl nur schafft, wenn man im Weltraum das Beamen gelernt hat. Verantwortlich für das, was im Raumschiff »La Fenice« passiert, sind sechs Komponistinnen und Komponisten: Aleksandra Gryka aus Polen, Jennifer Walshe aus Irland, Ricardas Kabelis aus Litauen, Juha T. Koskinen aus Finnland, und aus Deutschland Moritz Eggert sowie, besonders markant, Helmut Oehring. Vicente Larrañaga dirigiert mal ein Dutzend, mal nur drei Musiker und am Schluss fast nur noch Geräuscherzeuger mit allem, was da knattert, knistert oder sich als Seifenblase hochpusten lässt. Die Musikanten bewerkstelligen das mit eingeweihtem Schmackes, stehen allerdings vor noch größeren Aufgaben. Das erste Bild beherrschen vier Gesangsdarsteller: Meik Schwalm, Hanna Dóra Sturludóttir, Julia Henning und Sibylle Fischer. So weit, so gut! Nur will es das kosmologische Konzept, dass jede der dramatis personae von der Musik eines anderen Tonsetzers betreut und umhüllt wird. So richtig kriegt man das nicht mit. Bühnendienstliche Moderne im Miniformat neigt ja zur Monochromie. Drei Bilder in drei Stunden … das scheint auf die Symmetrie zu deuten, die »La Fenice«, der Name des Flugkörpers, verspricht. Doch es tost und tobt wild und wirr durch den weitläufigen Raum, den Leonie von Arnim für diese Space-Odyssee entworfen hat. Zum optischen Leitmotiv werden vier grellweiße, kühlschrankähnliche Mehrzweckobjekte, die man erregt oder ermüdet von einem Ort der Bühne zum anderen schieben, in denen man zitternd Zuflucht suchen kann. Einer dieser Rätselspinde birgt einen schlaffen Fußball. Auf der Oberfläche eines anderen kann man intergalaktische Hiobsbotschaften in einen Computer tippen. Da steht man dann wie vor einem Schreibtisch, konzentriert sich auf das, was keiner so recht mitkriegt und setzt sich dann erschöpft, wie erloschen. Den ganzen Bühnenhintergrund besetzt eine Breitwand. Sie wird bevölkert von den üblichen Projektionen. Texte rasen vorbei, schneller, als man lesen kann. Kryptische Formeln schüchtern dich ein. Eine bilderbuchbunte Landschaft erblüht. Schwarze Puppen fallen vom Himmel. Plötzlich explodiert ein Raumschiff. Ein Raumschiff? Dieses Raumschiff? Man begreift es nicht, soll es wohl auch nicht begreifen in diesem Alptraumspiel, in dem die Figuren synchron herumhampeln, hochmütigen Blicks den Veitstanz exekutieren, plötzlich platt am Boden liegen. In entlegenen Sprachen redet man miteinander, aneinander und am Publikum vorbei. Manches erheitert. Manches ärgert wird hier etwa das Chaos als der Kosmos von heute gefeiert? Längst hat man die Flinte ins galaktische Korn geworfen. Das Programmheft reicht die rettende Hand: »Um nichts Geringeres geht es als um Leben und Tod, Raum und Zeit, Sein und Haben, Lärm und Stille, das Eigene und das Fremde, das Rohe und das Gekochte und und und…« Schön und gut! Wo aber bleiben Tom und Jerry, Plisch und Plum? Werner Burkhardt |
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Januar 2005 Hermenauten
Roh oder gekocht: Kurzopern an der »Opera Stabile« in HamburgHerr Kobayashi ist »ein Mensch von ungefähr japanischer Herkunft« und besitzt Eigenschaften, die allesamt mit »Un-« anfangen: Unbestimmtheit, Ungereimtheit, Unverständlichkeit. Wer Kommander Kobayashi ist, bleibt das Rätsel einer Opernsaga, deren »Erste Staffel« an der soeben wiedereröffneten Experimentierbühne der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt wurde. Außerdem wird die Produktion, die ihre Eigenschaften mit denen des Kommanders teilt, auch beim jetzt begonnenen UltraSchall-Festival in Berlin gezeigt. Die ersten drei Kurzopern stammen von sechs Komponisten. Diese modische Variante eines Pasticcio, von der Berliner Operncompagnie »Novoflot« entwickelt, zeugt von jener Fühlsamkeit für die flotten Novitäten des Zeitgeists, die solch einem Format den Bonus des unanfechtbaren Experiments sichert. In dem ersten der drei Stücke, auf harten Stühlen knapp drei Stunden lang abzusitzen, präsentieren vier Komponisten, darunter der als virtuoser Polystilist erfolgreiche Moritz Eggert, die als Hermenauten bezeichneten Raumfahrer. Hermeneutisch sind sie kaum zu deuten, weil sie sich nicht sprachlich logisch mitteilen. Jedenfalls müssen sich Scrabble, Go, Tii und Ma in vier solistischen Episoden jeweils »versus Komet« (Chiffre für Chaos, Zerstörung und Unheil) behaupten. Ihre Waffen sind die des Tollhaus-Theaters. Komponist der zweiten Oper »Kobayashi singt (unter fremden Sternen)« ist der Berliner Helmut Oehring, der, als Kind gehörloser Eltern aufgewachsen, Text, Gesang und Gebärden collagiert und die Titelfigur auf den japanischen Tenor Soichi Kobayashi, einen Gebärdensprecher und einen Gitarristen verteilt. Daß Oehring sein Raumschiff »La Fenice« durch die erdenferne Milchstraße bewegt, wird mit allerlei auf eine Videowand projizierten Fragen der Astronomie oder Astrophysik angedeutet. Irgendwie geht es wohl um die Probleme von Raum und Zeit. In der dritten Oper mit dem tarantino-tollen Titel »set phasers on KILL« geraten der Kommander und seine Mannschaft, auf ein fremdes Raumschiff stoßend, in den Bann einer stärkeren Macht. Verkörpert wird sie von der Komponistin selber, der irischen Vokalkünstlerin Jennifer Walshe, die auf einem elektronischen Instrument John Dowlands »Flow my tears« anklingen läßt, dieweil das Quartett schnalzend, lallend, röchelnd, zischend auf die apocalypse now wartet, während eine Instrumentalistin durch einen Ring Seifenblasen pustet und mit einer Plastiktüte vor dem Mikrophon raschelt. Der Sinn des kryptischen Spiels wird in der postkartenkleinen, aber vierundsechzig Seiten starken Packungsbeilage erläutert. Das philosofaselnde Programmheft verrät, daß es um »nicht weniger« geht als um Leben und Tod, Sein und Haben, Lärm und Stille, Glück und Traurigkeit, das Eigene und das Fremde, das Rohe und das Gekochte, die Begegnung mit dem Anderen und mit sich selbst, kurz: »eine Irrfahrt durch das gewaltige Universum«. Daß es um »nichts weniger« geht, zeigt die dortselbst zu lesende Einsicht, daß das Chaos die zu sich selbst gekommene Form sein könnte. Das Publikum akklamierte fröhlich mit dem zur Routine gewordenen Gemisch aus Beifallsgepfeife und Jubeljuchzen. Jürgen Kesting |
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Opernwelt 3/2005 Oper am offenen Herzen
Musiktheater beim Berliner Avantgarde-Festival UltraSchallWenn ein Musik-Festival schon »Ultra-Schall« heißt, ist es bis zur »Oper am offenen Herzen« nicht weit. Derart kalauernd haben die Autoren einer »Opernsaga« namens »Kommander Kobayashi« ihr Vorgehen beschrieben. Diagnose: OP(er) dringend erforderlich, Praxisgebühr von 13 Euro bitte an der Abendkasse entrichten. Ergebnis: Patient lebt, ist aber kaum wiederzuerkennen. Der Reihe nach: Das von Deutschlandradio und dem Rundfunk Berlin-Brandenburg veranstaltete hauptstädtische Avantgarde-Fest hat zwei Musiktheater-Produktionen gezeigt, die ursprünglich aus Hamburg stammen und verschiedener kaum sein könnten. Zunächst «St. Jago», vor fünfzehn Jahren entstandene «Musik und Bilder zu Kleist» von Dieter Schnebel, der in diesem Monat seinen 75. Geburtstag feiert. […] Wie eine Parodie dessen wirkte die in den Sophiensälen gezeigte »Staffel 1« von »Kommander Kobayashi«, die zuvor Hamburgs opera stabile wiedereröffnet hatte. In dem von Sebastian Bark (Dramaturgie), Tobias Dusche (Text) und Sven Holm (Regie) erarbeiteten Stück geht es um alles, also irgendwie auch um nichts: Das Raumschiff »La Fenice« gondelt durchs All, wird von einem Kometen bedroht und einem Kommandeur befehligt, den vier »Hermenauten« (!) ständig neu interpretieren müssen. Jede Folge dieser Kosmo-Soap hat einen eigenen Komponisten gefunden: Moritz Eggert, Aleksandra Gryka, Ricardas Kabelis, Juha T. Koskinen, Helmut Oehring und Jennifer Walshe schrieben ganz unterschiedliche Musiken von der glatten Pop-Parodie (Eggert) über die ritualisierte Performance (Walshe) bis hin zum meisterhaften Mahlstrom des Oehring'schen »Featuredramas«. Musiker des Off-Ensembles NOVOFLOT unter Vicente Larrañaga steuerten zum großen Erfolg das Ihre bei. Der Schein trog also: Seriöses entpuppte sich beim »UltraSchall«-Theater als kraftlos, Schräges als tiefsinnig. So ist es den »Kobayashi«-Leuten gelungen, aus Klischees von Science Fiction, Oper und verschwafelten Diskursen einen ernsthaften Drei-Stunden-Abend zu gestalten. Und wie das bei guten Serien so ist: Man fiebert einer Fortsetzung entgegen. Olaf Wilhelmer |
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