taz Berlin, 25. September 2008

Singen wie ein Zombie

Es werden Koloraturen gesungen, aber auch gezischt, gekeucht, Disharmonisches gewagt: Mit „Was wir fühlen # 1: Scream Queen“ beginnt in den Sophiensaelen eine neue Reihe der Opernkompanie Novoflot

Da hängen sie in ihren kleinen, zerdepperten italienischen Autos, Hals über Kopf überm Lenkrad. Das Orchester spielt dazu eine fein ziselierte Barockfuge, bricht abrupt ab, und nahtlos macht ein blechernes Autoradio mit der Fuge weiter. Die da in ihren verkeilten Kleinwagen hängen, wachen auf, mit zombiehafter Langsamkeit kommen sie zu sich und sortieren ihre Gliedmaßen. Die eine bekommt erst mal einen Wutanfall, die anderen drei arrangieren sich anderweitig mit ihrer Post-Crash-Situation – sie singen ihr Entsetzen in Arien, sie lachen gespenstisch, intonieren Halleluja-Kantaten. Später werden sie sich alle ein wenig beruhigen, zwischen ihren Wracks einen Campingtisch aufbauen und ominöse Dinge sprechsingen wie „Manch einer träumt als Ertrunkener noch von Rettung“. Da dämmert ihnen und ihrem Publikum, dass sie allesamt schon seit drei Tagen tot sind.

Das in etwa ist der tragikomische Plot der neuesten Inszenierung der Opernkompanie Novoflot in den Sophiensaelen. Eine Novoflot-Premiere pro Jahr darf man mittlerweile hier erwarten: Nach den herrlichen drei Weltraum-Saga-Staffeln »Kommander Kobayashi« von 2005 bis 2007 sind Regisseur Sven Holm und der musikalische Leiter Vicente Larranaga jetzt einer ähnlichen Fährte auf der Spur. Wieder geht es um eine Suche. Nach Gewissheit, nach eigener Geschichte, nach einem Auftrag, nach demjenigen, der einem sagt: „Aber jetzt ist doch alles wieder gut.“ Auf diesem existenziellen Weg befinden sich recht exzentrische Figuren, schauspielernde Sänger, diesmal auch eine singende Schauspielerin. Die Gefühle, die bei diesen eigentlich so vollständig unerlösten, unlösbaren Umtrieben – schließlich sind alle schon tot, da ist nicht mehr viel zu wollen – entstehen, werden auf musiktheatralische Weise kunstvoll ausgeleuchtet.

Bei dem neuen Projekt bekennt man sich zu dieser tiefschürfenden Gefühlshaushalterei sogar ganz affirmativ: »Was wir fühlen« soll eine dreiteilige Opernserie werden, die Premiere von »Scream Queen« präsentierte jetzt den ersten Teil, der dem Affekt der Angst auf der Spur zu sein behauptet. Opern zu den Affekten „Erschöpfung“ und „Glück“ sollen folgen.

In Sachen musikalischer Mittel hat man sich bei »Scream Queen« für einen Cut-up aus Barockmusiken – Händel, Vivaldi, Bach – und frischen Kompositionen der Polin Aleksandra Gryka entschieden. Die manirierte Setzung von Gefühlsausdruck nach der barocken Affektenlehre steht also der nicht minder künstlichen Intensität in der Neuen Musik gegenüber, die allerdings Anspruch auf Authentizität erhebt. Es werden Koloraturen gesungen, aber es wird auch gezischt, gekeucht, merkwürdig betont, synkopiert, Disharmonisches gewagt, manchmal im direkten Übergang, manchmal sogar zeitgleich. Dass dabei weder Barock noch Moderne verlieren, am Ende allerdings etwas Drittes, und zwar das in Kunstnebel gehüllte Musical, gewinnt, ist eine so irre wie komische Idee, wie sie nur aus der Pop-affinen Hochkultur der Novoflot-Oper kommen kann.

Auch wenn nicht ganz klar wird, warum man dieser nihilistischen Leben-nach-dem-Tod-Inszenierung just das Thema „Angst“ verschrieben hat, und auch wenn mit den ständigen Videoeinspielungen der Einsatz der Bedeutung generierenden Mittel etwas überreizt wird: Wer Spaß daran hat, einer grandiosen Sängerin dabei zuzusehen, wie sie in Moonboots und Trainingshose vor einem elektronische Monstersounds ausspuckenden Autowrack eine italienische Barockarie singt und dabei außer Atem gerät, weil sie während des Singens einen Schlitten hinter sich herzieht, auf dem zwei hochbegabte Kinder diabolisch grinsen, der ist bei Novoflot goldrichtig.

Kirsten Riesselmann


Neues Deutschland, 25. September 2008

In den Käfigen der Angst

Die Opernkompanie »Novoflot« zeigt »Scream Queen« in den Sophiensaelen

Was ist Angst? Gemeinhin wird sie beschrieben als ein zentraler Affekt, als eine vielschichtige Emotion, die massiv belastet. Sie ist weniger konkret als Furcht, steht immer im Gegensatz zum freien Fühlen und ist meist als Widerspiegelung vergangener heftiger Erfahrungen - Angst errichtet Käfige, wunderbar zu sehen in der neuesten Inszenierung der Sophiensaele.

In »WAS WIR FÜHLEN #1 – Scream Queen« unter die Regie von Sven Holm zeigt die freie Opernkompanie NOVOFLOT die Angst auch in ihrer pathetischen Gestalt. Nach der erfolgreichen Opernsaga »Kommander Kobayashi« untersucht NOVOFLOT nun an drei thematischen Opernabenden „spezifische Gefühlzustände“: Angst, Erschöpfung und Glück. „Die drei Untersuchungen“, so heißt es, „richten sich direkt auf die Gattung Oper“ und „auf das Verhältnis Affekt und Narration sowie auf die Architektur von Pathos auf der Opernbühne“. In »Scream Queen« prallen Vokalwerke des Barock und Uraufführungen der polnischen Komponistin Aleksandra Gryka aufeinander, die musikalische Leitung hat Vicente Larrañaga.

Im Festsaal der Sophiensaele sind rechts und links Plätze für das Orchester, im Saal stehen fünf völlig kaputte Autos. In denen sitzen Menschen, andere laufen darum herum, zwei Kinder kauern darunter. Gesang setzt ein und eine junge Frau tritt voller Wut auf ein Schrottauto. Sechs Menschen, die sich nicht kennen, treffen aufeinander, Ereignisse aus ihrer Vergangenheit werden offengelegt und bedrohen ihre Gegenwart. Zu sehen bekommt man ein sehr pathetisches Spiel um das Gefühl Angst, untermalt von herrlichem Gesang und musikalischen Kompositionen, die nach und nach an Konstruktionstiefe verlieren und einfacher werden. Wenn die Klänge am Ende verstummen, sagen die zwei Kinder: „Jetzt wird alles gut“.

»WAS WIR FÜHLEN #1 – Scream Queen« ist nicht nur ein musikalischer Genuss (gespielt wird Bach, Vivaldi und Händel), sondern auch eine bildintensive Inszenierung, die im Kontext von Angst und Zerstörung zeigt, voran Menschen verzweifeln können und wie diese elementaren Zustände in Opernform aussehen können.

Von Robert Meyer


Tagesspiegel, 28. September 2008

Stimmen im Crashtest

SOPHIENSAELE Novoflot startet das Opernprojekt »Was wir fühlen« mit »Scream Queen«

Ohne Emotionen wäre keine Oper vorstellbar. Sie machen den Kern, das innerste Wesen der Kunstform aus. Letztlich geht es in ihr immer darum, Gefühle und Affekte – häufig ins Maßlose gesteigert – mit musikalischen und dramatischen Mitteln auf der Bühne darzustellen. Wenn jetzt die freie Opernkompanie Novoflot eine Trilogie mit dem Titel »Was wir fühlen« produziert, dann weiß sie um die fundamentale Bedeutung solcher Emotionen für die Bühne. Seit 2002 erforscht Novoflot experimentell die Grundlagen der Oper: Wie ist sie eigentlich gemacht, woraus besteht sie, kann man überhaupt – und wenn ja, wie? – in das Werk hineinfinden? „Wir möchten Oper anders sehen, mit einem analytischen Blick“, sagt Regisseur Sven Holm. „Im Sprechtheater ist das ja schon fast wieder passé, aber in der Oper steckt es noch in den Kinderfüßen.“

Erprobt hat die Kompanie ihren analytischen Blick bisher an einem Einakter von Ernst Krenek und in der fünfteiligen Serie »Kommander Kobayashi«. Jede Folge war von einem anderen Komponisten geschriebenen, so dass Grundsätzliches über die Form der Oper zum Vorschein kam: Ist sie in Dialogen komponiert, als ruhendes Tableau oder performativ? In der neuen Trilogie will Novoflot jetzt die drei Affekte Angst, Erschöpfung und Glück untersuchen. Es hätten wahrscheinlich auch Liebe, Eifersucht oder Wut sein können, „aber wir fanden, dass diese Affekte ein breites Fenster öffnen und sehr viel anderes mit beinhalten“, erklärt Sven Holm.

Und so schaffen er und der Dramaturg Malte Ubenauf in »Scream Queen«, dem ersten Teil der Trilogie, eine Atmosphäre der Angst. Drei schrottreife Autos sind das Bühnenbild. Sie strahlen, obwohl sie still stehen, eine kraftvolle Bewegungsenergie aus. Der Moment, in dem sie zusammengeprallt sind, ist genau eingefangen. Eigentlich könnte man jetzt denken, es besteht kein Grund mehr zur Angst, der Unfall ist ja schon vorbei. Aber weit gefehlt: Es hat einen Toten gegeben, und der spukt jetzt per Video im Leben der Anderen, dargestellt von drei Sängern, zwei Kindern und einer Schauspielerin. Wie sich herausstellt, war jeder von ihnen auf eine gewisse Weise mit dem Toten verbunden und hat Schuld auf sich geladen. Die Angst, die durch die Verdrängung von Schuld entsteht, kehrt mit Macht zurück.

Musikalisch wird das vor allem durch die Überlagerungen zweier instrumentaler Gruppen abgebildet. Auf der einen Seite spielen acht Musiker Kompositionen von Vivaldi, Händel und Bach. „Wir nehmen barocke Musik“, so der musikalische Leiter Vicente Larrañaga, „weil sie sehr konzentriert und direkt Affekte ausdrückt und es möglich ist, Stücke oder einzelne Szenen herauszuschneiden und ein Pasticcio zu erstellen.“ Auf der anderen Seite spielen vier Musiker des Ensembles Mosaik zeitgenössische Musik der polnischen Komponistin Aleksandra Gryka. Grykas rhythmisch-perkussive Klänge symbolisieren Angstzustände, sie werden im Verlauf des rund 90-minütigen Abends immer präsenter, bis sie dann am Ende ausschließlich zu hören sind. Spannung entsteht auch dadurch, dass die barocken Instrumente historisch getreu auf 415 Hertz und die zeitgenössischen auf 443 Hertz gestimmt sind. So soll das Gefühl von Angst seziert werden.

Bis die anderen Affekte an die Reihe kommen, vergeht allerdings noch einige Zeit. Novoflot macht pro Jahr nur ein Stück, da die Künstler ansonsten anderweitig tätig sind. Vicente Larrañaga zum Beispiel hat gerade erst Ingo Metzmacher bei der Aufführung Olivier Messiaens „Saint François d’Assise“ in Amsterdam assistiert, ein Stück über die Heiligwerdung eines Menschen. Da dürfte er auch reichlich Emotionen kennengelernt haben.

Udo Badelt