Opernwelt Jahrbuch 2010
Nominierung zur Uraufführung des Jahres


Opernwelt, Februar 2010

Der Ort macht die Musik


(…) Wie genau die Radialmacher einen Nerv der Zeit getroffen haben, war um die Festtage einmal mehr zu beobachten: Die Berliner Operntruppe Novoflot („Kommander Kobayashi“) hatte zu einer dekonstruierten Version des Bach´schen Weihnachtsoratoriums für Sänger, Schauspieler, zwei Chöre, ein Free Jazz Quartett und Orchester geladen, in deren vierstündigem Verlauf das Areal vom Parterre bis unters Dach und sogar im Freien bespielt wurde. Weg mit der wohligen Seligkeit, raus aus einer Hörhaltung, die den religiösen Ernst, den appellativen Charakter der mit jubilierendem „Jauchzet, frohlocket“ anhebenden Kantaten nicht mehr wahrnimmt, lautete die Devise des Regisseurs Sven Holm. Doch nicht der Karl-Forster-Chor hatte das erste Wort, sondern die im Dunkeln durch die auf Plastikeimern hockende Zuschauer- “Gemeinde“ tappende Sopranistin Bini Lee-Zauner mit der Echo-Arie aus dem sechsten Teil: “Flößt mein Heiland“. Und das letzte Wort blieb nicht dem unter Vicente Larrañaga vital musizierenden Ensemble Kaleidoskop, dem Knabenchor Berlin oder Hanna Dóra Sturludóttir (Alt), Steffen Doberauer (Tenor) und Nils Cooper (Bass) vorbehalten, sondern dem ad hoc improvisierten Impromptu der Jazzcombo “Bauer 4“.

Albrecht Thiemann


Frankfurter Rundschau, 21. Dezember 2009

Leere sei Gott in der Höhe


Vermutlich wäre die Sache anders verlaufen, hätte nicht Nietzsche eines zarathustratraurigen Tages den Tod Gottes beschlossen. Allein, er tat es. Und bald schon fanden sich Novizen in reichhaltiger Zahl, denen es angelegen war, dieses apodiktische Theorem zu bestätigen; nur die Wortwahl änderte sich. Insbesondere die Philosophen des 20. Jahrhunderts haben es diesbezüglich dem lieben Gott nicht leicht gemacht. Beinahe spöttisch pferchten sie Sentenzen wie "Jauchzet, frohlocket! Auf preiset die Tage, /Rühmet was heute der Höchste getan" in die Mühle des strukturellen Denkens, um sie dort so lange zu zerreiben, bis nur noch Hautfetzen hinabhingen von der himmlisch befruchtenden Gabe.

Man sollte dies wissen, wenn man ins Berliner Radialsystem zu einer Aufführung von Bachs "Weihnachtsoratorium" geht. Denn derjenige, der sich an der Botschaft dieses Werks kulinarisch ergötzen will, wird sein blau-batailleskes Wunder erleben: eine radikal desillusionierende Dekonstruktion. Allerdings auch eine recht delikate.

Wer die Berechtigung einer solch performativen Kunstaktion grundsätzlich anzweifelt, der sei daran erinnert, dass schon der Schöpfer dieses ingeniösen Werkes nicht aus reinster Gottesfürchtigkeit und nur dieser zum Ruhme die Noten setzte. Wie üblich bei Bach, bediente er sich auch im Fall des Weihnachtsoratoriums aus bereits vorhandenem, auch für außerreligiöse Zwecke verwertbarem Material, das er dann parodierte.

So gut wie sämtliche Chöre und Arien entstammen den Drammi per musica BWV 213/214 von 1733. Neu komponiert wurden lediglich die Rezitative und Choräle. Bach nutzte sie als vitalisierende Verbindungselemente zwischen Sätzen, die ursprünglich an eine gänzlich andere Abfolge von Textinhalten und musikalischen Gedanken gebunden waren. Sprich: Der Unterschied zwischen einem König auf Erden und einem König im Himmel war so groß dann doch nicht, und ein Wiegenlied für einen Göttersohn konnte ebensogut auch für ein Christuskind gelten.

Der Abend im Radialsystem geht noch einen Schritt weiter - in die Niederungen unser trivialen Existenz. Noch bevor eine zweistündige Reise durch das ganze Haus anhebt, sitzt man im Saal auf unbequemen Plastikmülleimern, umgeben von diffusem Stimmengewirr. Das Solistenensemble Kaleidoskop, von Vicente Larranaga in der Folge nach Kräften (und nicht immer erfolgreich) zusammengehalten, betritt den Raum mit Grubenlampen am Kopf. Dann die ersten vertrauten Klänge, die Sopranarie aus der vierten Kantate, "Flößt, mein Heiland...". Aber dem Wohltönenden gesellt sich sogleich antiphonale Dissonanz bei. Sollen wir also jenen Schrecken, von dem im Text die Rede geht, körperlich spüren? Uns fürchten? Den Sinn neu erdenken? Oder gar unser eigenes Unbehagen an dieser Form von Kultur?

Derlei Imponderabilien begleiten den Abend wie ein guter Freund. Und nicht eine Sekunde macht Regisseur Sven Holm einen Hehl daraus, dass er den geläufigen Konnotationen des Werkes zutiefst misstraut. Um diese Skepsis in musiktheatrale Essenz zu transformieren, schraubt er einen Subtext in den Boden des Weihnachtsoratorium, der auf verschiedenste Weise doch immer die gleiche Frage formuliert: Glauben wir das wirklich, was da erzählt wird? Können wir das überhaupt noch im hyperaufgeklärten Zeitalter des agnostischen Egalitarismus?

Holm sagt: Wir können es nicht. Dazu bedient er sich herbkantiger Textbausteine von Bataille, Artaud und anderen "grausamen" Denkern, sowie eines diskursiv den Ablauf durchstörenden Sprachrohrs: Johanna Falckner, eine junge Schauspielerin, taucht an jeder Ecke auf, gleichsam als Racheengel, der sich aber am Ende noch in eine poetische Sonnengöttin zu verwandeln weiß. Geradezu surreal verschmitzt gerät ihr Auftritt im engen Dachstudio, wo die vier Gesangssolisten den Chor aus der fünften Kantate "Ehre sei dir Gott" anstimmen und dabei eifrig die Börsenkurse studieren. Nein, Gott ist nicht tot. Er ist nur zum Banker mutiert. Und Banker laufen Gefahr, mit der Maschinenpistole vom Platz gemäht zu werden. Natürlich nur spielerisch.

Derlei süffisante Seitenhiebe auf eine Gesellschaft, die jede Ware zum konsumistischen Fetisch, somit zur Ersatzreligion erhebt, erlaubt sich Holm während der vier Stunden durchgängig; manches Mal wirkt das etwas kokett. Doch spätestens im zweiten Teil wird das Bezwingende des Regiekonzepts evident. Angelegt ist der Abschnitt als (habituell vertrautes) Konzert. Vorne die vier Solisten, dahinter Orchester, Dirigent, zwei wackere Chöre (Karl-Forster-Chor, Knabenchor Berlin). Doch nach und nach bröckelt das Ritual, verwandelt sich das Hingebungsvoll-Demütige in selbstbeglaubigende (Such-)Aktion. Nicht mehr länger wollen diese Sänger singen zum Lobpreis Gottes. Sie wollen das Paradies auf Erden, sie wollen es leben, erleben, vielleicht gar erzwingen. Deswegen das Brechtsche Heraustreten aus der Rolle, deswegen am Ende keine Verklärung, keine Apotheose.

Sondern Jazz. Die Formation "Bauer 4" mit einer Improvisation der Marke Supergaga, mit Posaunen, die bis Jericho zu hören sind. Musiktheater kann auch Spaß machen.

Jürgen Otten


Süddeutsche Zeitung, 23. Dezember 2009

Eiskalter Kinderchor


(…) Man zieht in Zuschauergruppen aus dem Erdgeschoss ins dritte Stockwerk des Gebäudes, auf die offene Dachterrasse über der Spree. In eisiger Kälte skandiert ein Kinderchor aus der Herodes-Geschichte des Kindermords, Häscher besorgen das Kidnapping und die Tötung der armen Kleinen. In engem Raum befördern vier Solosänger zusammen mit Instrumentalisten die Heilsgeschichte in musikszenische Miniaturen heutiger Affekte. Arien (“Ich will nur die zu Ehren leben“ und “Erleucht auch meine finstren Sinnen“) generieren psychotische Zustände moderner Individuen. Im transparenten Gebäude nebenan singen und artikulieren zwei Berliner Schüler mit Rezitativen und Sprechtexten klamm-inbrünstig die Gott-Mensch-Relation der Weihnachtsgeschichte. (…)

Nach der zweiten Pause folgen im großen Saal Szenen aus den Teilen I bis III des Weihnachtsoratoriums, fast wie im „normalen“ Konzert, feurig dirigiert von Vicente Larrañaga. Das Solistenensemble Kaleidoskop und der Karl-Forster-Chor können ihr „Jauchzet, Frohlocket“ in scharfen Tempi, keineswegs messerscharfer Artikulation bewältigen. Arie werden in der Bühnengletscher-Landschaft mit aus den Texten assoziierten teilweise verstiegenen Bilder- und Spielideen aufgemöbelt: da stehen die Orchester und die leicht showmäßig gewandten Chorscharen musizierend auf dem Podium, und als kunstspekulativer Kontrapunkt sitzen am rechten Podiumsrand die zwei Knaben diesmal konzentriert beim Schachspiel und erproben sich bisweilen in virtuoser Bodengymnastik.

Für Ironie, Brechung, Fremdheit wird dabei eher leise gesorgt, so mit Hilfe von Nippesfiguren kleinbürgerlichen Gemüts. Nur die Arien-Sänger steigern ihre emotionalen Posen der Selbstentäußerung bis hin zur Gewalttätigkeit. Und dann ist mitten im Duett von Sopran und Baß (“Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen“) plötzlich Schluss mit Johann Sebastian Bach, das Weihnachtsoratorium bricht auseinander, es spielt die Free Jazz Combo mit zwei Posaunen, Kontrabass uns Klavier, die sich in Rage musiziert, währenddessen sich die Mitwirkenden erlöst feiern lassen.

Wolfgang Schreiber


taz, 23. Dezember 2009

Eine Gottsuche in eisiger Kälte


Opernensemble Novoflot geben das Bach'sche Weihnachtsoratorium als szenisch raumgreifende und das Publikum einbeziehende Begehung im Radialsystem

Es gibt keine Garderobe. Mäntel, Schals und anderes Zubehör müssen mitgeführt werden, denn ein Teil der Inszenierung wird im Freien gegeben. Manche Leute sind direkt von und mit ihren Weihnachtseinkäufen gekommen. Das ist gut, denn so kann der Bass-Solist Nils Cooper, der in einer Szene angetrunken stürzen muss, sich einigermaßen weich auf ein paar der abgestellten Taschen betten. Da nichts klirrt, waren vermutlich keine Glaskugeln darin.

Wir stehen im Studio B des Radialsystems, einem vom Architekturbüro Graft mit Hilfe von Blenden, hinter denen die MusikerInnen stehen, annähernd dreieckig gestalteten Raum, dem kleinsten aller Aufführungsorte des Abends.

Die vier SolistInnen, businesslike vor einer Powerpoint-Präsentation präsidierend, singen, ganz beiläufige Beschwingtheit, den Chor "Ehre sei dir, Gott, gesungen", den man in dieser musikalischen Transparenz selten hört und der mit Fortschreiten des Stückes - damit bloß niemand ins Schwelgen gerät! - noch transparenter wird, als immer mehr Silbenmaterial einfach wegfällt (und der Bass um).

Wenn anschließend der Tenor Steffen Doberauer die Arie "Ich will nur dir zu Ehren leben" singen darf, so ist auch dies im vorgegebenen Kontext - einer Betriebs-Weihnachtsfeier - ein ironischer Kommentar auf die Vergötzung der neuzeitlichen Arbeitswelt.

Dass wir die Szene alle schmunzelnd verfolgen, verweist vermutlich auf unsere eigene gottferne Existenz. Aber wir fühlen uns wohl hier, weil wir aus Kälte und Dunkelheit kommen. Das Publikum, das in wechselnder Formation durchs Haus geschleust wird, ist Teil der Choreografie. Für die Hälfte von uns hat der Abend im dunklen Saal begonnen. Nur Grubenlampen auf den Stirnen der MusikerInnen bilden dabei winzige Lichtinseln im Schwarz. Durch den Raum streifend, singt Bini Lee-Zauner die "Echo-Arie", den einsilbigen Antworten des Heilands auf der Spur, die doch nur das Echo auf ihre eigene Stimme sind. Als danach draußen in eisiger Kälte die Gottsuche weitergeht, könnten verzagtere Seelen versucht sein, vor lauter existenzialistischer Finsternis in die Spree zu springen. Zum Glück gibt es Glühwein, der Tod Gottes aber bietet keinen Anlass zum Gesang.

Knabenchor im Anorak
Der Knabenchor Berlin steht hier, ein geordneter Haufen kleiner und großer Jungs im Anorak. "Wo ist der neugeborne König der Juden?", skandieren sie chorisch sprechend, den kurzen Chor noch in Endlosschleife wiederholend, als ein Vermummter schon einzelne von ihnen fortträgt. Vor der Szene baumelt eine gehenkte Gestalt im langen Gewand. Aus einem seitlichen Lautsprecher eine Frauenstimme: "Wohin? Wohin? Zu Kreuzes Hügel", Fragmente der Johannespassion haben sich hier eingeschlichen, man glaubt zu hören "Wir haben keinen König", nein, die Knaben skandieren wieder endlos, über die Spree blickend: "Wir haben seinen Stern gesehn". Die Armen. Sicher frieren sie furchtbar.

Nachdem auch noch die mythische Geburt zu Bethlehem in einer starken Szene von den Schülern Julian Gerull (13) und Ricardo Müller (11) musikalisch und philosophisch dekonstruiert worden ist, heißt es in der großen Halle endlich: "Jauchzet, frohlocket!" Die ersten drei Kantaten stehen an.

Doch, ach, dem Frohlocken steht man nach der Todesnähe der ersten Hälfte, die Elemente aus den Kantaten 4 bis 6 kompilierte, ebenso skeptisch gegenüber wie den heiligen Worten des Evangeliums. Die Jungschauspieler spielen symbolträchtig Schach, die Altistin Hanna Dóra Sturludóttir hat Spaß mit ihren Koloraturen, und schon zu Beginn der zweiten Kantate löst sich die klassische Oratoriumsformation wieder auf.

Während Orchester und Chor sich in den Hintergrund zurückziehen, bleiben die SolistInnen allein in einem Bühnenbild zurück, das aus überdimensionierten Flugzeugwrackteilen zu bestehen scheint. Eine gewisse szenische Beliebigkeit haftet diesem zweiten Teil an. Nachdem die große Infragestellung bereits vorher so eindrücklich stattgefunden hat, bleibt einigermaßen unklar, was nun daraus inhaltlich folgen kann.

Da ist es nicht verkehrt, intellektuelle Anstrengungen herunterzufahren und zuzuhören, denn es spielen und singen alle wirklich großartig. Und da man am Schluss auch noch Freejazz von Bauer 4 bekommt - wer am Rand sitzt, sogar ein Bier -, kann man nach vier Stunden entspannt nach Hause gehen.

Katharina Granzin


Neues Deutschland, 18. Dezember 2009

Frohlocken mit Grubenlampe


(…) Der Regisseur Sven Holm hat die Struktur des Werkes buchstäblich auf den Kopf gestellt. Die sechs, oft als »Kantaten« bezeichneten Einzelteile wurden parallel in mehreren Sälen des Hauses aufgeführt; die Besucher erwanderten sich das Stück in einem Rundgang. Zuweilen kommt es in dem Neu-Alt-Bau mit seinen verschachtelten Treppenhäusern, turmartigen Aufbauten und weitläufigen Spreeblick-Galerien zu beeindruckenden Effekten: Die Musiker des hauseigenen Ensembles Kaleidoskop spielen im Dunkeln, mit Grubenlampen an der Stirn. Und von der Aussichtsplattform ruft der Knabenchor Berlin immer wieder »Wo ist der neugeborne König der Juden?« in die eisige, neblige Luft über dem Fluss; dazu tutet ein Nebelhorn.

Von Bachs Musik bleibt freilich nicht viel übrig. Sven Holm hat das Oratorium, das Bach durch Tonartenbezüge und wiederkehrende Choräle zu einer Einheit verband, in seine Einzelnummern zerstückelt und diese Splitter verfremdet und neu kombiniert. In einer Szene etwa streiten sich die vier Gesangssolisten auf einer Betriebsweihnachtsfeier, indem sie sich gegenseitig Bruchstücke aus ihren Arien an den Kopf werfen.

Nach der Pause geht es aufführungspraktisch konventioneller zu: Das Publikum sitzt im Konzertsaal vor einer Bühne. Dort peitscht Dirigent Vicente Larrañaga das Orchester, die singenden Knaben und den Karl-Forster-Chor zu straffen Tempi und einem zupackenden, grellen Bach-Klang an. Unter den Solisten hinterlässt der runde, gleichzeitig agile Bass von Nils Cooper den nachhaltigsten Eindruck.

Auf der Bühne entfaltet sich eine absurde Szenerie: Die Sopranistin trägt eine schwarze Gaze-Maske und Knieschützer. Der Bass hat eine Bierflasche in der Hand und spielt mit Matrjoschkas. Eine Schauspielerin bemüht sich, die weißen Rutschbahnen zu erklimmen, die das Architekturbüro Graft als Bühnenbild gefertigt hat.

(…) Jedenfalls vermittelte an diesem Abend nicht Bach eine Ahnung von der transzendierenden Kraft der Musik, sondern der Jazzmusiker Conny Bauer. Der schien mit dem eindringlichen Jaulen und Grummeln, Hauchen oder Schreien seiner Posaune gleichsam Gott in jeder Tonlage anzurufen.

Antje Rößler


Berliner Tagesspiegel, 18. Dezember

Kantaten-Terror


(…) Wenn man das berühmte „Jauchzet, frohlocket“ beim nächsten Mal nicht mehr nur als prächtigen Soundtrack zum Fest hört, wenn man stattdessen beginnt, sich über den autoritären Gestus dieses Einberufungsbefehls mit seinen Pauken und Trompeten ein paar Gedanken zu machen – ist das nicht schon die Sache wert? Das Bedürfnis scheint jedenfalls da zu sein: Schon vor der Premiere waren alle Vorstellungen ausverkauft.

In den Sälen und Hallen des Radialsystems muss man sich seinen Erkenntnisgewinn allerdings teuer erkaufen. Denn die ambitionierte Produktion, für die Novoflot-Kopf Sven Holm dank Förderung durch die Bundeskulturstiftung und den Berliner Senat eine ganze Hundertschaft an Sängern und Musikern aufbieten kann, treibt dem Publikum schon in den ersten zwei Stunden alle Erwartungen an musikalische Festtagskultur gründlich aus: In Gruppen aufgeteilt werden die Besucher nach draußen in die Kälte geschickt, um mitzuerleben, wie die Jungs des Berliner Knabenchors Heilsparolen skandieren, während auf dem gegenüberliegenden Spreeufer die Kinder von Bethlehem gemetzelt werden.

Jörg Königsdorf


Berliner Zeitung, 18.Dezember 2009

Oh Ewigkeit, du Donnerwort


(…) Die schier endlose Dauer dieser Performance ist Mimesis an das oratorische Ritual und zugleich seine ironische Brechung, weil es eben noch eine halbe Stunde länger geht als die kantatenreichste Aufführung des Weihnachtsoratoriums. Novoflot jagt das Publikum in Gruppen zu verschiedenen Schauplätzen im gesamten Radialsystem. Auf der Dachterrasse werden wir unter dem Sprechfugato des Knabenchores Berlin Zeuge des Kindermordes von Bethlehem, die Kinder werden abtransportiert und auf der anderen Seite der Spree gekillt. Gruselig.

Der heimliche Höhepunkt dieser szenischen Anverwandlungen ist ein großartiges Kammerspiel zwischen den beiden Berliner Schülern Ricardo Müller (Jahrgang 1998) und Julian Gerull (Jahrgang 1996), die allegorisch als Gott und Jesuskind auftreten und uns mit Bachschen Rezitativen den Käfig aus prototypischen Verhaltensformen unterm Weihnachtsbaum vorführen.

Matthias Nöther


klassik.com, 19. Dezember 2009

Selbstexperiment Weihnachtsoratorium


(…) Parallel, getrennt und gestaffelt in mehreren Räumen und auf verschiedenen Etagen konnte man in einem Rundgang Bachs 'Weihnachtsoratorium' entweder in mehreren Fassungen begegnen oder sogar den Versuch unternehmen, eine rote Linie aus dem scheinbar chaotischen Anything goes zu lesen. Knabenchöre und Klangcollagen, das Chaos des Free Jazz und die komponierte Ordnung der Choräle, die Nähe des Klangs und die ferne Stille im Open Air des Radialsystems – als innovativer Klangraum ist dieses Weihnachtsoratorium fraglos ein „Erlebnis“.

Am eindrucksvollsten waren dabei vor allem die ganz einfachen, aber ehrlichen Augenblicke, wenn etwa der bunte Laienchor als Gemeinschaft das lutheranische Ethos in der Musik Bachs beschwört, Chorknaben szenisch Gebäck verteilen, die Sänger in eine Art Ritual einstimmen oder sich ein Free Jazz-Trompeter im Duett mit dem Echo des anderen Spreeufers im Kontrapunkt bewegt. Als individuelle, unerwartete Fügungen ruhte gerade in diesen unscheinbaren Details die größte Spannung und Ausdruckskraft der sechs raumgreifenden Bach-Kantaten. Die Einzigartigkeit des Radialsystem V als Experimentallabor zeitgenössischer Kunst-, Tanz- und Musikinnovation wurde damit einmal mehr unter Beweis gestellt.

Toni Hildebrandt


Tip

Jammern und Jauchzen


(…) Für das ebenso ambitionierte wie kostspielige Projekt hat Holm eine umfangreiche Förderung durch die Bundeskulturstiftung und das Land Berlin losgeeist – eine Bestätigung dafür, dass sich Novoflot als Berlins experimentierfreudigste Off-Operntruppe seit der Gründung 2002 etablieren konnte.

Jörg Königsdorf


Spiegel Online, 16. Dezember 2009

Wenn die Weihnachtsfeier schief geht


Brad Pitts Lieblingsarchitekten, drei junge Opernrevoluzzer und ein innovatives Konzept: In der Hauptstadt inszenieren Novoflot den Bach-Evergreen "Weihnachtsoratorium". Nicht nur die ersten drei, sondern alle sechs Kantaten. Und das Publikum muss nicht einmal still sitzen.

Vorschusslorbeeren können pieksen. Das weiß Barack Obama, das wissen Novoflot. Novoflot ist eine junge freie Berliner Opernkompanie, die 2002 gegründet wurde, um die zeitgenössische Oper zu revolutionieren - und die für ihre neueste Produktion zurzeit jede Menge Vorschusslorbeeren einheimst. Regisseur Sven Holm bekommt davon nur wenig mit, denn er ist kurz vor der Uraufführung beinahe rund um die Uhr beschäftigt, konzentriert sich ganz auf die Arbeit. "Ich habe nicht einmal die Zeit, um die Zeitung zu lesen", scherzt er.

Mittwochabend feiert "Das Weihnachtsoratorium" von Novoflot Premiere - und wer jetzt denkt: Moment einmal, das Weihnachtsoratorium von Bach ist doch gar keine Oper, der hat Recht. Und doch auch wieder nicht. Denn die drei Männer von Novoflot setzen das Konzert in Szene: Sänger und Sängerinnen spielen, während sie singen. Das Projekt ist mit 140 Beteiligten nicht nur das größte und aufwändigste in der Geschichte von Novoflot, es sieht auch alles danach aus, als könne es ein Publikumserfolg werden.

Evergreen im Szenebau
Das Bühnenbild stammt vom gefeierten Architekturbüro Graft, den Lieblingsarchitekten von Brad Pitt, mit dem sie Ökohäuser für New Orleans entworfen haben. Musikalisch setzt man auf einen Evergreen, der Jahr für Jahr im Advent die Massen in die Dorfkirchen und Konzertsäle lockt. Und aufgeführt wird die Adventsproduktion im Radialsystem V, jenem szenigen Bau aus Backstein und Glas an der Spree, der Alt und Neu auch kulturell verbindet.

"Bleibt alles anders" könnte das Motto der Opernrevoluzzer sein. Denn "der Weihnachtskuchen", so Holm, werde bei Novoflot "mit neuen Zutaten gebacken". So werden nicht wie üblich nur die ersten drei Kantaten aufgeführt, mit den barocken Smashhits "Jauchzet, frohlocket" und "Bereite dich, Zion", sondern auch die weniger oft gespielten Kantaten vier bis sechs. Diese konterkariert man mit Jazz-Improvisationen der Gruppe "Bauer 4". "Wir wollen auf musikalischer Linie einen Konflikt einbauen", sagt Holm. Es gehe aber nicht darum, Bach zu verbessern. Der Musik Bachs werden Improvisationen von "Bauer 4" gegenüber gestellt; die Krippengeschichte hat man ganz gestrichen, dafür nimmt man "Gehet nun hin nach Bethlehem" wörtlich.

Die Weihnachtsfeier geht gehörig schief
"Gehet nun hin und erkundet das Radialsystem" heißt es bei Novoflot. Der Zuschauer wandelt umher, erfährt die unbekannteren Kantaten vier bis sechs des Weihnachtsoratoriums wie ein Stationendrama, läuft vom Erdgeschoss zu den Terrassen und in den Saal. Der Grund: Die pure Beschallung durch die eingängige Musik möchte man verhindern. "Das Weihnachtsoratorium wird bei jeder Bescherung gedudelt, es wird von jedem Unichor gesungen und im Kaufhaus schallt es auch aus den Lautsprechern. Aber kaum einer weiß, worum es darin eigentlich geht", sagt Holm. Novoflot wolle "Tabula Rasa" machen und das Weihnachtsoratorium neu entdecken. Deswegen werde dem Jauchzen und Frohlocken von damals die Trauer und Not von heute gegenübergestellt. Und dem Jammern von heute die Wiedergeburt der utopistischen Erlösung von damals. So sterben Kinder, die Geschenkkartons sind leer und die Weihnachtsfeier geht gehörig schief.

Außerdem haben Novoflot sich entschieden, die Reihenfolge umzudrehen. Die Kantaten vier bis sechs hört und sieht der Zuschauer in verschiedenen Räumen des Hauses in verschiedenen Gruppen, die Kantaten eins bis drei darf man dann in einem Raum genießen. Immerhin: "Es dauert bei uns zwei Stunden, bis der Besucher 'Jauchzet, frohlocket' zu Ohren bekommt", sagt Holm.

Gern würde er das Weihnachtsoratorium auch im nächsten Jahr noch einmal aufführen. Dazu müsste den Vorschusslorbeeren aber das Kritikerlob folgen, nach der Premiere. Und die Sponsoren müssten auch im kommenden Jahr noch jauchzen und frohlocken.

Nora Reinhardt


Deutsche Welle - TV

Bachs Weihnachtsoratorium auf den Kopf gestellt


http://www.youtube.com/watch?v=pRHV6MmeUak