Presse

Nöthers-Kritiken
Ein Ort, der keiner ist, lässt sich schwerlich darstellen. Deshalb ist die „Schloss“-Produktion, indem sie ihren Kerngedanken in der Abstraktion belässt, mehr als die vorigen Produktionen von Novoflot wirklich in der theatralen Konkretheit angekommen. Nicht in den gleißenden Posaunen-Improvisationen, nicht in Ulrich Scheels Live-Zeichnungen am Computer findet der Zuschauer dauerhaft Halt. So hält man sich an Schuberts Musik. Doch der Halt, den uns die Musik von Schubert zu geben scheint, ist trügerisch, und das war er schon immer. Wer mit voller Aufmerksamkeit dabei ist, auf das gründlichst ausgehörte Spiel der Pianistin Saori Tomidokoro und auf die Sänger lauscht, spürt es vielleicht deutlicher als je zuvor: die überraschend umgedeuteten Akkorde in einer eigentlich selbstverständlich abschnurrenden Melodie. Es scheint klar, dass sich das Bürgertum nach dieser Musik eine neue Illusion von innerer Heimat, das Biedermeier, aufbauen musste, wo von Schuberts „Lindenbaum“ nur noch die erste Strophe etwas galt, gesetzt für heimattrunkenen Männerchor.

Jazztext
Novoflot haben hier einen Bilderreichtum von geradezu barocker Fülle geschaffen. Genial auch, das gesamte Haus von seinem zentralsten Punkt: der Bühne aus, zu verstehen. So klingt immer wieder Musik aus dem Off, aus Nebenräumen – wenn Lolitas locken “das wird ein Spaß” scheppert hinten “I can´t get no satisfaction”, der Gesang (solo oder im Kinderchor) wird mal vom Musikensemble, dann wieder von einem der zahlreichen Klaviere begleitet – wahrer Surround-Sound mit Tiefenwirkung. Das Publikum auf der drehenden Bühne erlebt die Verunsicherung K.s am eigenen Leib: mittendrin und doch ohne festen Halt. Nils Wogram als Posaunensolist ist der musikalische Coup. Mal ist er das “Faxrauschen”, das aus den Telefonen quillt, mal klinkt er sich als “Avantgarde-Spur” in die Schubert-Arrangements, dann wieder löst sein Solo in aller Komplexität das Opernorchester ab. Im Finale soliert er noch über ein paar Schubert-Lied-Chorusse, der Abgesang ist dann sein Solo, mit dem Posaunenzug bahnt er sich den Weg durch die “vierte Wand” – dann fällt die Tür ins Schloss. Buchstäblich. Und der Rezensent reibt sich verwundert die Augen: das war mit einfachsten Mitteln bildgewaltiges Musiktheater – hervorragende Komposition, eine bewundernswerte Einheit (und Miteinander) von Musik und Bild (nicht vergessen: die “Bühnenbilder” von Beamern an verschiedene Wände geworfen und “live” und treffend gezeichnet von Ulrich Scheel) kurz: das ist Oper 2013 – der ganze Zauber ohne Illusion. Wenn es noch ein Plädoyer bräuchte, warum Theaterhäuser gebraucht werden: hier ist es. Kino kann das jedenfalls nicht.