Texte

DAS SCHLOSS

Eine Winterreise von NOVOFLOT

In der Tiefkühlabteilung der literarischen Fiktionen lagert ein ungebrochen rätselhafter Ort: Kafkas „Schloss“ ist die mysteriöse Macht, zu der der Landvermesser K. sein Leben lang vergeblich Zugang sucht. Dieselbe Gefrierzone hat ein Jahrhundert zuvor ein anderer durchschritten: Franz Schubert vermass mit der „Winterreise“ dasselbe Gelände, in dem sich K. rund hundert Jahre später verirren sollte.
In einer tontechnischen Versuchsanordnung legt NOVOFLOT nun Roman und Lieder übereinander und untertitelt Kafka
mit Schubert. „Das Schloss“, auf diese Weise re-mastered, erhält mit der „Winterreise“ eine digitale Gefühlsspur, die Kafkas Roman vermeintlich mühelos dechiffriert. Doch im Haus der Berliner Festspiele werden bald Störfrequenzen hörbar. Schubert mutiert zum wuchernden Krebs. Alle beobachten den Fremden, den Landvermesser K., wie er sich zu vielen K-Punkten multipliziert. Denn K. ist eine genauso unberechenbare wie hochinteressante Erscheinung: Er hat einen Punkt, aber keinen Ort.

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GLAUBEN SIE, DASS SIE VIELE GUTE FREUNDE HABEN?

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Schnee, du weißt von meinem Sehnen: sag’, wohin doch geht dein Lauf?

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SIND SIE SELTEN GLÜCKLICH, AUSSER SIE HABEN EINEN BESONDEREN GRUND DAFÜR?

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Träumen Sie von einem Urlaub im Schloss oder Herrenhaus?

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Eisenach, Thüringen, Deutschland: Dieses luxuriös eingerichtete Ferienschloss lässt eine unvergleichbare Atmosphäre entstehen, die Sie von Zimmer zu Zimmer auch durch verschiedene Stilrichtungen wie Neo-Rokoko, Neugotik oder die Renaissance führt. Galerieaufbau, Wandmalereien im Treppenhaus, Vertäfelungen, Verspiegelungen, eindrucksvolle Deckengestaltungen und ein typischer Kamin im Wohnzimmer spiegeln die verschiedenen Stile wider. Es ist der ideale Ort für diejenigen, die es sich wünschen, sich in der Umgebung Ende des 19. Jahrhunderts wiederzufinden und gleichzeitig modernen und umfassenden Komfort genießen wollen. Besonderheiten: Aufgrund der einzigartigen und anspruchsvollen Einrichtung kann die Wohnung nicht an Kinder unter 14 Jahren vermietet werden.

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BEUNRUHIGT SIE DER GEDANKE, IHRE WÜRDE ZU VERLIEREN?

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– Diese Tür! Haben Sie auch gesehen, wie sich diese kleine Tür geöffnet hat?
- Ja. Aber warum sollte das sonderbar sein? Es waren die Kinder. – Das ist allerdings eine einfache Erklärung, einem Fremden kommt alles leicht sonderbar vor.

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Es werden hier Betten für die Nacht überlassen, allerdings nicht jedem, sondern nur dem, dem sie angeboten werden.

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WÜRDE SIE DIE IDEE, NOCHMALS GANZ NEU ZU BEGINNEN, SEHR BEUNRUHIGEN?

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Gehirn, dein Name ist Aporie.

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Am Anfang steht das Ende: Auf den letzten Seiten von Kafkas Roman hat sich der Landvermesser K. unerlaubterweise in
die Gänge des Herrenhofs verirrt, wo er zum späten Verhör geladen wurde, und ist dabei in das Zimmer eines schlafenden Beamten geplatzt. Diese Einladung in die Nacht ist das vorläufige Ende einer langen Kette von Vertreibungen, denn weder im Dorf noch in der Liebe war für ihn, den ewigen Fremden, ein Bleiben. Bei NOVOFLOT bekommt K. die Chance, noch einmal anzufangen. Der Zähler wird auf Null gesetzt, die Versuchsanordnung im Haus der Berliner Festspiele neu sortiert. Sie ist zuallererst ein Experiment: Wie verhält sich ein K-Punkt, wenn er von der Musik in zirkuläre Schwingungen versetzt wird?

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Kafkas Figurenarsenal von Schlossbeamten und Dorfbewohnern, Boten und Gehilfen ist bei NOVOFLOT eine Ansammlung von lebenden Punkten in einer geschlossenen k. und k.-Topografie. K.s treffen auf Kinder. Die K.s sind zu dritt, aber sie sind immer auch mehr als drei. Sie sind in der Mehrzahl, in der Überzahl. K. ist ein Prinzip, das eigenen Gesetzen und denen der Musik folgt. Angetrieben von Liedern aus Franz Schuberts „Winterreise“ und Aleksandra Grykas Schubert-Wiedergängern und Schloss-Kompositionen nähern sich die K-Punkte komplizenhaft einander an, häufen oder spalten sich, und immer wieder verwandeln sie sich in ihr weibliches Gegenüber, das hagere Ausschankmädchen Frieda. Die selbsternannte Geliebte von K.s unsichtbarem Vorgesetzten, dem Schlossbeamten Klamm, ist die erste Frau, mit der K. im Herrenhof auf Tuchfühlung geht. Frieda ist austauschbar, denn K. hätte auch jede andere mit Verbindung zum Schloss genommen. Sie ist aber auch die Einzige, die mit ihrem Fühlen den emotionalen Gefrierpunkt überwindet und damit Schuberts Musik von allen Figuren am nächsten kommt.
Der unerreichbare Klamm wird zu K.s Fixpunkt, die unscheinbare Frieda zum Fluchtpunkt. Doch bei jedem Versuch, Frieda als Notausgang zu benutzen, tritt K. durch die Tür doch nur wieder bei sich selbst ein.

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In welcher Gegend ist es? Ich kenne sie nicht. Alles entspricht dort einander, sanft geht alles ineinander über. Ich weiß, dass diese Gegend irgendwo ist, ich sehe sie sogar, aber ich weiß nicht wo sie ist und kann mich ihr nicht nähern.

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IST IHR GESICHTSAUSDRUCK EHER ABWECHSLUNGSREICH ALS GLEICHBLEIBEND?

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Einmal vermessen lässt uns der Raum wunschlos zurück. Langweile, codiert, macht den Tod zur Null im Perfekt. Ein neuralgischer Punkt, zwischen X und X auf dem Sprung, jagt sich das Ich nun, verstört, durch ein Fehlerprogramm.

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SIND SIE FÜR RASSENTRENNUNG UND KLASSENUNTERSCHIEDE?

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Ich bin nicht am richtigen Ort, leider kann ich mich dem Eindruck nicht verschließen, dass ich nicht am richtigen Ort bin. Warum eile ich denn blindlings in ein Haus, lese nicht die Aufschrift über dem Tor, bin gleich auf den Gängen, setze mich hier mit solcher Verbohrtheit fest, dass ich mich gar nicht erinnern kann, jemals vor dem Haus gewesen, jemals die Treppen hinaufgelaufen zu sein. Zurück aber darf ich nicht, dieses Zeitversäumnis, dieses Eingestehen eines Irrwegs wäre mir unerträglich. Wie? In diesem kurzen, eiligen, von einem ungeduldigen Dröhnen begleiteten Leben eine Treppe hinunterlaufen? 
Das ist unmöglich. Die Dir zugemessene Zeit ist so kurz, dass Du, wenn du eine Sekunde verlierst, schon Dein ganzes Leben verloren hast, denn es ist nicht länger, es ist immer nur so lang wie die Zeit, die Du verlierst. Hast du also einen Weg begonnen, setze ihn fort, unter allen Umständen, Du kannst nur gewinnen, Du läufst keine Gefahr, vielleicht wirst Du am Ende abstürzen, hättest Du aber schon nach den ersten Schritten Dich zurückgewendet und wärest die Treppe hinuntergelaufen, wärest Du gleich
am Anfang abgestürzt und nicht vielleicht, sondern ganz gewiss. Findest Du also nichts hier auf den Gängen, öffne die Türen, findest Du nichts hinter diesen Türen, gibt es neue Stockwerke, findest Du oben nichts, es ist keine Not, schwinge Dich neue Treppen hinauf, solange Du nicht zu steigen aufhörst, hören die Stufen nicht auf, unter Deinen steigenden Füssen wachsen sie aufwärts.

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Wo find ich eine Blüte, wo find ich grünes Gras?

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GLAUBEN SIE, DASS IHR ALTER GEGEN SIE SPRICHT?

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Werden Sie Ihr eigener Schlossherr oder Ihre eigene Schlossherrin!
 Ocquerre, Paris/Ile-de-France, Frankreich: Folgen Sie der langen Zufahrtsstraße mit den Bäumen, die zur Domaine de la Trousse führt. Vor Ihren Augen erscheint dann dieses majestätische Schloss aus dem Jahr 1864. 13 Zimmer auf 4 Stockwerken, ca. 1200 m2. Erdgeschoss: Große Eingangshalle mit Treppenhaus. Waffenraum (Empfangshalle). Salon mit offenem Kamin, Bibliothek (mehrsprachig), Küche mit Piano. Ost- und Westturm mit separatem Eingang (Pförtner). Der Pool (12 × 6 m) und der herrliche englische Garten liegen geschützt hinter einer kleinen Mauer hinter der Orangerie. Außerdem gibt es auf dem Landgut einen Tennisplatz und einen authentischen Taubenschlag im Originalzustand. Der sympathische Eigentümer und seine Familie wohnen ebenfalls am Ort, sie können Ihnen nützliche Tipps zur Urlaubsplanung geben und Ihre Tage hier noch angenehmer gestalten.

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SCHLAFEN SIE GUT?

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Die ungeheure Welt, die ich im Kopf habe.

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Werde ich von jemand anderem beobachtet, muss ich mich natürlich auch beobachten, werde ich von niemandem sonst beobachtet, muss ich mich umso genauer beobachten.

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BEKOMMEN SIE MANCHMAL
EIN ZUCKEN IN IHREN MUSKELN, AUCH WENN ES KEINEN ERSICHTLICHEN GRUND DAFÜR GIBT?

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„Wie komme ich ins Schloss?“ ist die Frage, die Kafka K. leitmotivisch an die Fersen heftete. Bei NOVOFLOT hingegen liegt das Schloss nicht unerreichbar in der Ferne – wir sind schon längst in ihm drin. Und noch mehr: Das Schloss ist auch in uns. Es ist von Anfang an eine Innenwelt und im wörtlichen Sinn eine Kopfgeburt, denn sein Grundriss folgt den labyrinthischen Strukturen des menschlichen Gehirns. Wie in Schuberts „Winterreise“ verlagern sich die Wege durch ein unwirtliches Draußen in eine hermetische Ich-Landschaft. Die Wege der K.s werden zu Gängen durch ihre eigenen Neuroarchitekturen, und was vermessen wird, ist nicht das Land, sondern sie selbst.
Nur: Mit welcher Messmethode lässt sich das Menschliche, wenn es denn im Kopf sitzt, am besten orten, besonders dann, wenn jede Nähe bedrohlich, jeder Blick ein klinischer, jede Nachfrage
ein Ausschlussverfahren ist, das paradoxerweise doch nur weiter ins System hineinzieht? Das Schloss ist das Dorf ist das Schloss, und weil die Kafka-Maschine nur funktioniert, wenn sie Kurzschlüsse produziert, ist jede Macht, der die K.s existentiell ausgesetzt sind – der Musik, der Liebe und dem Terror – immer auch von ihnen selbst erzeugt. Wie ein Gen trägt ein K-Punkt den Loop als Funktionsmerkmal auf sich, um dieses weiterzuvererben, bis es sich in späteren Trägern erneut manifestiert. Immer wieder blicken die drei K.s in die Gesichter ihrer eigenen Varianten, der zukünftigen und der vergangenen, stehen denen gegenüber, die sie waren und werden. Möglich, dass wir mit dem K-Punkt ein so genanntes „Aleph“ vor uns haben, wie es Jorge Luis Borges in seiner gleichnamigen Erzählung beschreibt: Ein Aleph ist ein Punkt, der alle Punkte des Universums und damit auch sich selbst enthält und sich so ins Unendliche spiegelt.

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Kafkas Roman bleibt Fragment, er öffnet keine Türen, zeigt keinen Ausweg an. Damit ist vielleicht das letzte Wort gesprochen. Aber noch nicht der letzte Ton verklungen.

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KÖNNEN SIE DEN STANDPUNKT EINES ANDEREN VERSTEHEN, WENN SIE WOLLEN?

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Wie brauche ich deine Nähe, wie bin ich, seitdem ich dich kenne, ohne deine Nähe verlassen, deine Nähe ist, glaube mir, der einzige Traum, den ich träume, keinen anderen.

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FRAGEN SIE SICH MANCHMAL,
OB IRGENDJEMANDEM WIRKLICH AN IHNEN GELEGEN IST?

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Einfach ein Schloss aussuchen und sofort buchen!

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Praha Zbraslav, Tschechien: 15-Zimmer-Schloss, 725 m2 auf 4 Stockwerken, komfortabel und rustikal eingerichtet: Großer Salon 86 m2, kleiner Salon 59 m2 mit offenem Kamin. Esszimmer 36 m2, Esszimmer 23 m2, 6 Schlafzimmer, Casino 20 m2. Terrasse. Terrassenmöbel. Parkplatz (eingezäunt). Schlossturm mit kleinem Observatorium. Der Sommer eignet sich für erfrischende Badepartien im Teich, erholsame Ernte- oder Entdeckungsspaziergänge aller Art im Park oder Wald und spannende Tennisspiele unter den Augen der Kinder. Das Schloss Trnova ist dank seiner guten Lage (nur 20 km von Prag entfernt), seiner Baustruktur und seiner Einrichtung ein geeigneter Ort für kleine Konferenzen, Seminare, Schulungen, aber auch für Hochzeiten. Die hübsche Umgebung bietet Möglichkeiten für zahlreiche Teamentwicklungsübungen. Auf Anfrage ist Folgendes möglich, extra: Blumenarrangements, musikalische Unterhaltung, Fuchsjagd. Kaution CZK 30 000 (EUR 1000).

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BLÄTTERN SIE EINFACH ZUM VERGNÜGEN IN EISENBAHNFAHRPLÄNEN, TELEFONBÜCHERN ODER WÖRTERBÜCHERN?

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Willst du mich behalten, müssen wir auswandern, irgendwohin, nach Südfrankreich, nach Spanien.

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Ohne Drogen läuft nichts Hier im Irrgang der Zeichen Wo du umkommst gesichtslos in blinden Vergleichen. Träumend … Rate für Rate Von den Bildern beäugt. Wer ist Herr der Opiate Die das Hirn selbst erzeugt?

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KÖNNTE JEMAND ANDERS SIE FÜR WIRKLICH AKTIV HALTEN?

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Es war spät am Abend, als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schlossberg war nichts zu sehen, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloss an. Lange stand K. auf der Holzbrücke, die von der Landstraße zum Dorf führte und blickte in die scheinbare Leere empor.

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Es kam Gesang aus einer Kneipe, ein Fenster war geöffnet, es war nicht eingehakt und schwankte hin und her. Es war eine kleine Hütte, ebenerdig und ringsum war Leere, es war schon weit von der Stadt. Ein später Gast, schleichend, auf den Fußspitzen, in enganliegendem Kleid, tastete sich vor, wie im Finstern und es war doch Mondlicht. Horchte am Fenster, schüttelte den Kopf, verstand nicht, wie dieser schöne Gesang aus einer solchen Kneipe kam, schwang sich rücklings auf das Fensterbrett, unvorsichtig wohl; denn er konnte sich nicht oben halten und fiel gleich
ins Innere, aber nicht tief, denn beim Fenster stand ein Tisch. Die Weingläser flogen zu Boden, zwei Männer, die bei dem Tisch gesessen waren, erhoben sich und warfen kurz entschlossen den neuen Gast, die Füße hatte er ja noch außen, wieder durch das Fenster zurück, er fiel in weiches Gras, stand gleich auf und horchte. Aber der Gesang hatte aufgehört.

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SIND SIE EIN LANGSAMER ESSER?

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LASSEN SIE SICH DURCH KINDER IRRITIEREN?

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