Presse

Opernwelt Jahrbuch 2010
Nominierung zur Uraufführung des Jahres

Opernwelt
Wie genau die Radialmacher einen Nerv der Zeit getroffen haben, war um die Festtage einmal mehr zu beobachten: Die Berliner Operntruppe Novoflot („Kommander Kobayashi“) hatte zu einer dekonstruierten Version des Bach´schen Weihnachtsoratoriums für Sänger, Schauspieler, zwei Chöre, ein Free Jazz Quartett und Orchester geladen, in deren vierstündigem Verlauf das Areal vom Parterre bis unters Dach und sogar im Freien bespielt wurde. Weg mit der wohligen Seligkeit, raus aus einer Hörhaltung, die den religiösen Ernst, den appellativen Charakter der mit jubilierendem „Jauchzet, frohlocket“ anhebenden Kantaten nicht mehr wahrnimmt, lautete die Devise des Regisseurs Sven Holm.

Frankfurter Rundschau
Denn derjenige, der sich an der Botschaft dieses Werks kulinarisch ergötzen will, wird sein blau-batailleskes Wunder erleben: eine radikal desillusionierende Dekonstruktion. Allerdings auch eine recht delikate… Sie wollen das Paradies auf Erden, sie wollen es leben, erleben, vielleicht gar erzwingen. Deswegen das Brechtsche Heraustreten aus der Rolle, deswegen am Ende keine Verklärung, keine Apotheose. Sondern Jazz. Die Formation „Bauer 4“ mit einer Improvisation der Marke Supergaga, mit Posaunen, die bis Jericho zu hören sind. Musiktheater kann auch Spaß machen.

Süddeutsche Zeitung
In engem Raum befördern vier Solosänger zusammen mit Instrumentalisten die Heilsgeschichte in musikszenische Miniaturen heutiger Affekte. Arien generieren psychotische Zustände moderner Individuen. Im transparenten Gebäude nebenan singen und artikulieren zwei Berliner Schüler mit Rezitativen und Sprechtexten klamm-inbrünstig die Gott-Mensch-Relation der Weihnachtsgeschichte.

Neues Deutschland
Jedenfalls vermittelte an diesem Abend nicht Bach eine Ahnung von der transzendierenden Kraft der Musik, sondern der Jazzmusiker Conny Bauer. Der schien mit dem eindringlichen Jaulen und Grummeln, Hauchen oder Schreien seiner Posaune gleichsam Gott in jeder Tonlage anzurufen.

Berliner Tagesspiegel
Wenn man das berühmte „Jauchzet, frohlocket“ beim nächsten Mal nicht mehr nur als prächtigen Soundtrack zum Fest hört, wenn man stattdessen beginnt, sich über den autoritären Gestus dieses Einberufungsbefehls mit seinen Pauken und Trompeten ein paar Gedanken zu machen – ist das nicht schon die Sache wert? Das Bedürfnis scheint jedenfalls da zu sein: Schon vor der Premiere waren alle Vorstellungen ausverkauft.

Berliner Zeitung
Die schier endlose Dauer dieser Performance ist Mimesis an das oratorische Ritual und zugleich seine ironische Brechung, weil es eben noch eine halbe Stunde länger geht als die kantatenreichste Aufführung des Weihnachtsoratoriums. Novoflot jagt das Publikum in Gruppen zu verschiedenen Schauplätzen im gesamten Radialsystem. Auf der Dachterrasse werden wir unter dem Sprechfugato des Knabenchores Berlin Zeuge des Kindermordes von Bethlehem, die Kinder werden abtransportiert und auf der anderen Seite der Spree gekillt. Gruselig.

DeutschlandRadio
So kennt man das Bachsche Weihnachtsoratorium wirklich nicht. Eine Kinder-Gruppe auf dem „Deck“, der hoch oben gelegenen Freiterrasse des Berliner Radialsystems, sucht rhythmisch nach dem neugeborenen König der Juden: „Wo, wo, wo ist der neugeborene König?“ Erspähen kann man auf der anderen Seite der Spree eine rot leuchtende Hütte und ein Auto mit aufgeblendeten Scheinwerfern. Über Lautsprecher hört man Murmeln aus der Johannespassion.

klassik.com
Parallel, getrennt und gestaffelt in mehreren Räumen und auf verschiedenen Etagen konnte man in einem Rundgang Bachs ‚Weihnachtsoratorium‘ entweder in mehreren Fassungen begegnen oder sogar den Versuch unternehmen, eine rote Linie aus dem scheinbar chaotischen Anything goes zu lesen. Knabenchöre und Klangcollagen, das Chaos des Free Jazz und die komponierte Ordnung der Choräle, die Nähe des Klangs und die ferne Stille im Open Air des Radialsystems – als innovativer Klangraum ist dieses Weihnachtsoratorium fraglos ein „Erlebnis“.

Tip
Für das ebenso ambitionierte wie kostspielige Projekt hat Holm eine umfangreiche Förderung durch die Bundeskulturstiftung und das Land Berlin losgeeist – eine Bestätigung dafür, dass sich Novoflot als Berlins experimentierfreudigste Off-Operntruppe seit der Gründung 2002 etablieren konnte.

taz
Durch den Raum streifend, singt Bini Lee-Zauner die „Echo-Arie“, den einsilbigen Antworten des Heilands auf der Spur, die doch nur das Echo auf ihre eigene Stimme sind. Als danach draußen in eisiger Kälte die Gottsuche weitergeht, könnten verzagtere Seelen versucht sein, vor lauter existenzialistischer Finsternis in die Spree zu springen. Zum Glück gibt es Glühwein, der Tod Gottes aber bietet keinen Anlass zum Gesang.