Texte

Die große Obsession des 19. Jahrhunderts ist bekanntlich die Geschichte gewesen: die Entwicklung und der Stillstand, die Krise und der Kreislauf, die Akkumulation der Vergangenheit, die Überlast der Toten, die drohende Erkaltung der Welt. Hingegen wäre die aktuelle Epoche eher die Epoche des Raumes. Wir sind in der Epoche des Simultanen, wir sind in der Epoche der Juxtaposition, in der Epoche des Nahen und des Fernen, des Nebeneinander, des Auseinander.

Michel Foucault


Mein Heiland gib mir Kraft und Mut, dass es mein Herz recht eifrig tut!

SAAL

Ich habe Scheiße in den Augen
Ich habe Scheiße im Herzen
Gott läuft aus
lacht
strahlt
berauscht den Himmel
der Himmel singt aus vollem Halse,
der Himmel singt
der Blitz singt
der Glanz der Sonne singt
die Augen trocken
das zerrissene Schweigen der Scheiße
im Herzen

Georges Bataille


Ehre sei dir, Gott, gesungen!

STUDIO B

Die Situation ist verführerisch: Man sitzt gemütlich beisammen, Vorgesetzte wie Mitarbeiter, Kerzen brennen, Leckereien stehen bereit. Beachten Sie die folgenden 6 Punkte aus dem großen Knigge, damit Ihre Weihnachtsfeier auch dieses Jahr ein Vergnügen ohne Reue wird:
1) Verzichten Sie auf Vertraulichkeiten, Tratsch und Geflüster: Beziehen Sie alle ins offene Gespräch mit ein.
2) Nehmen Sie Rücksicht auf Ihre Sitznachbarn. Achten Sie auf Ihre Körpersprache: Wenn Sie Ihrem Sitznachbarn den Rücken zuwenden, ist dieser ausgeschlossen.
3) Meiden Sie brisante Gesprächsthemen: Über Entlassungen oder über Religions- oder Rassenfragen sollten Sie ein anderes Mal diskutieren.
4) Sprechen Sie lieber über die gemeinsamen Erfolge: Über die Aufgaben, die Sie gemeinsam im Laufe des Jahres gemeistert haben, und über ins Ziel gebrachte Projekte.
5) Sein Sie weder zu kumpelhaft noch zu leger. Wahren Sie Distanz, insbesondere als Vorgesetzter, schließlich sind Sie eine Respektperson und ein Vorbild.
6) Es kommt auf Ihre Einstellung an: Wenn Sie erwarten, dass Sie sich langweilen werden, wird es für Sie höchst wahrscheinlich auch eine ermüdende Veranstaltung. Alle haben mehr von der Weihnachtsfeier, wenn Sie Ihren Tischpartnern ein aufmerksamer und interessierter Gesprächspartner sind.

Internet-Knigge


Und der Engel sprach zu ihnen …

STUDIO C

Der erfahrungsmäßige, geschichtliche Grund der Sache ist so schwach, dass unser Fest dadurch um so mehr verherrlicht wird, dass nämlich durch solche Gebräuche bisweilen die Geschichte selbst erst gemacht worden. Was aber dabei am meisten zu bewundern ist und uns zum Vorbilde zugleich und zur Beschämung für vieles andere dienen kann, ist dieses, dass offenbar das Fest selbst seine Geltung größtenteils dem Umstande verdankt, dass es in die Häuser eingeführt worden und unter die Kinder. Dort nämlich sollten wir mehreres befestigen, was uns wert und heilig ist, und als Vorwurf und übles Zeichen ansehen, dass wir es nicht tun. Dieses also wenigstens wollen wir festhalten, wie es uns überliefert worden ist; und je weniger wir wissen, worin die wunderbare Kraft liegt, um desto weniger auch nur das mindeste daran ändern. Mir wenigstens ist auch das Kleinste davon bedeutungsvoll. Denn wie ein Kind der Hauptgegenstand desselben ist, so sind es auch hier die Kinder vornehmlich, welche das Fest, und durch das Fest wiederum das Christentum selbst, heben und tragen. Und wie die Nacht die historische Wiege des Christentums ist, so wird auch das Geburtsfest desselben in der Nacht begangen; und die Kerzen, mit denen es prangt, sind gleichsam der Stern über der Herberge und der Heiligenschein, ohne welchen man das Kind nicht finden würde in der Dunkelheit des Stalls und in der sonst unbestirnten Nacht der Geschichte.

Friedrich Schleiermacher


Wo, wo, wo, wo?

BRACHE

Es steht ein kleiner roter Stern über der Krippe der Mutter und des Kindes und über dem Kreuz des Esels. Der Himmel ist blau. Der kleine Stern wird zum Heiligenschein. Gott hat dem Esel die Last des Kreuzes abgenommen und trägt es auf seiner neu geschaffenen Menschenschulter. Das schwarze Kreuz wird rosa, der blaue Himmel violett. Die Straße ist gerade und weiß wie der Arm eines Gekreuzigten.
Ach! Das Kreuz ist rot geworden! Es ist eine Lanze, die in der Wunde blutig geworden ist. Hier über dem Körper am Ende des Armes der Straße sind Augen und ein Bart, die ebenfalls bluten und über seinem Abbild im Spiegel aus Holz buchstabiert sich Christus: I-N-R-I.

Alfred Jarry


Ach, wenn wird die Zeit erscheinen?!

HALLE

Fülle. Nicht gemildertes Unendliches. Unendliches. Ohne Vorbehalt, ohne Entzug, ohne Distanz.
Man hat sich in den erwünschten Strom gestellt.
Verdrängt und zunichte gemacht, hat die Angst, als handle es sich um eine Unbekannte, von der man nichts weiß, sogar ihren Sinn eingebüßt.
Der Schwung, der äußerste Schwung, denn mehr noch, wenn möglich, als Güte und seelisches Glücksgefühl herrscht Schwung (jener Schwung, der Antriebe unmöglich macht), der souveräne, ungeheure, fließende Schwung.
Ekstase, nein, Enstase. Man brauchte keine Engel zu sehen. Man erfährt eine verwandelnde Ausstrahlung.

Henri Michaux


Zur Aufführung des Weihnachtsoratoriums

Zur Jahreswende 1734/35 wurde das Weihnachtsoratorium (BWV 248) in den Leipziger Hauptkirchen St. Nikolai und St. Thomas uraufgeführt. Da die Leipziger Gottesdienstordnung mehrstimmiger Vokalmusik nur eine begrenzte Dauer einräumte und eine konzertmäßige Aufführung geistlicher Musik außerhalb des Gottesdienstes nicht möglich war, konnte die Aufteilung größerer Werke auf mehrere aufeinander folgende Gottesdienste nicht vermieden werden. Bach konzipierte das Oratorium als Zyklus von sechs in sich abgeschlossenen Kantaten. Sie erklangen an den sechs Feiertagen der Weihnachtszeit, dem 1. – 3. Weihnachtsfeiertag, Neujahr, Sonntag nach Neujahr und Epiphanias, so dass die in dem Bericht des Evangelisten vertonten Abschnitte der Weihnachtsgeschichte annähernd den jeweiligen Evangelienlesungen und Predigten entsprachen. Der kohärente Handlungsverlauf der Kantaten, die Tonartengliederung und motivisch-thematische Verknüpfungen garantierten jedoch einen Zusammenhalt der einzelnen Teile, die sich alle aus frei gedichteten kontemplativen Rezitativen und Arien, Vertonungen des Bibeltextes (vor allem in den Rezitativen des Evangelisten), innigen Choralsätzen und groß angelegten Chören zusammensetzten. Alle Eingangschöre, aber auch die meisten Arien, vereinzelte Choräle und Rezitative waren Parodien, d.h. sie unterlegten bereits existierende weltliche und geistliche Kompositionen mit neuem Text, wobei dies häufig mit zahlreichen musikalischen Änderungen einherging.
Das Werk begleitete die Leipziger Gottesdienstbesucher über die gesamte Weihnachtszeit hinweg und machte in Verbindung mit den Predigten die Weihnachtsbotschaft und protestantisch-pietistische Lehre sinnlich erfahrbar. Dies wurde durch die überaus theatrale Anlage des Werkes unterstützt, die in einem multiperspektivischen Geflecht verschiedenste Stimmen zu Wort kommen ließ, so dass die musikalische Rede immer wieder zu einer dramatischen Kommunikation wurde. Der Chor verkörperte zum einen die Gemeinde, sang also stellvertretend für die Gottesdienstbesucher, sprach diese aber auch direkt affirmativ an oder trat als Figur (als Hirten oder Weise) in einen Dialog mit den Solisten, die wiederum ebenfalls als Figuren der Weihnachtsgeschichte oder als Verkörperungen des Gläubigen zu Wort kamen. Diese verschiedenartigen, durch die musikalische Rede hergestellten musikalischen Verkörperungen und Darstellungsweisen konnten beim Publikum eine große Bandbreite an Aufnahme- und Reaktionsmodi inspirieren.
Während der Evangelist in den schlichten Rezitativen die biblische Geschichte vergegenwärtigte, beschworen die großen Chöre wie »Jauchzet, frohlocket« oder »Ehre sei dir, Gott, gesungen« eine kollektive Dankbarkeit und Freude über den Kern der christlichen Lehre, die Menschwerdung Christi, und den konkreten Anlass eines über mehrere Tage andauernden und von allen begangenen Festes. Dieser extrovertierte gemeinsame Jubel verband sich mithilfe der eher andächtig gehaltenen Arien und Choräle aber auch mit introvertierter Meditation. Sowohl die historische Geburt Jesu als auch die Ankunft Jesu in den Herzen der Gläubigen wurde gefeiert und durch die vielen bekannten Melodien eine Identifikation mit dem Gesamtgeschehen des Gottesdienstes möglich. Vom Chor in der Ich-Form gesungene Nummern wurden so zum Ausdruck einer durch Individualisierungstendenzen gekennzeichneten Glaubenspraxis, einer kollektiv artikulierten Privatheit, die den eigenen Glauben als Privatangelegenheit definiert. Die Komposition verdeutlichte also zudem programmatische Bekenntnisse: »Jesus, richte mein Beginnen / Jesus, bleibe stets bei mir / Jesus sei mir in Gedanken / Jesus, lasse mich nicht wanken!« Bachs Weihnachtsoratorium war zur Zeit seiner Entstehung demzufolge im besten Sinne Gebrauchsmusik, d.h. eine Musik, die man brauchte, um sich kraft ihrer Ästhetizität im Rahmen des theatralen Rituals weihnachtlicher Gottesdienste der eigenen religiösen, emotionalen, mythologischen und rationalen Positionen zu versichern, diese zu feiern und sich an ihnen zu erfreuen.
Im Zuge der Verbürgerlichung der Kunst änderte sich auch die Aufführungspraxis des Werkes maßgeblich. 1857 wurde das Weihnachtsoratorium erstmalig nach Bachs Tod aufgeführt. Die Veröffentlichung der Alten Bach-Ausgabe und das Engagement der Berliner Singakademie, die sich für die erneute Aufführung der Vokalwerke Bachs einsetzte, bewirkten seine Renaissance. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wurde das Oratorium dann zum obligatorischen Bestandteil der Weihnachtszeit. Es etablierte sich die Praxis, die ersten drei Kantaten gemeinsam an einem Abend als Konzert aufzuführen, seltener wurden auch die Kantaten vier bis sechs gespielt. Als Aufführungsort fungierte entweder ein Konzertsaal oder eine Kirche, wobei jedoch meist jegliche Bindung an einen Gottesdienst verloren ging und die Kirche als Konzertsaal genutzt wurde. Waren die einzelnen Kantaten des Weihnachtsoratoriums einst Teil eines drei- bis vierstündigen liturgischen heterogenen Ganzen, wurden sie nun zum Anlass eines säkularen Rituals: Gewissermaßen museifiziert, fanden sie sich in das strenge Korsett des bürgerlichen Konzertes gepresst, das – gegen Bezahlung – dem Besucher ein hoffentlich einwandfrei musiziertes Werk versprach.
Das Oratorium wird heute als autonomes Kunstwerk verstanden, als ein Werk absoluter Musik, dessen möglichst »werktreue historische« Aufführungspraxis streng von Publikum und Interpreten überwacht wird. Konzentration und Andächtigkeit gegenüber der Kunst ist angesagt, angestrebt ihr stiller, durch kein Räuspern zu störender Genuss, der keine Kommentierung des in makelloser Reinheit Präsentierten erlaubt, und aufgrund des Fehlens der Predigten, Lesungen und des Abendmahls eine vielschichtige, multimediale und vor allem interaktive Auseinandersetzung mit Inhalten verhindert. Das Publikum wird stillgestellt und die Musik bezahlt ihre Aufwertung mit dem Verlust ihrer einst vielfältigen Verwendungsweisen. »Ein säkularisiertes Werk in einer säkularisierten Welt« könnte man argumentieren, das dem Publikum die persönliche Glaubensfreiheit garantiert und auf einen Rahmen verzichtet, der die Indienstnahme von Kunst für eine religiöse Indoktrination anstrebt. Tatsächlich handelt es sich hierbei jedoch um ein sozusagen ersatzreligiöses Verhalten, das Indoktrination zudem noch radikalisiert: An die Stelle lebendiger Glaubenspraxis, deren Mittel Bachs Musik einst war, tritt die Anbetung dieser Musik selbst. Sie ist zur Ware geworden und zum Fetisch einer konsumversessenen Weihnachtszeit. Dabei ist sie – im Museum des weihnachtlichen Konzertsaals – einem echten Gebrauch jedoch entzogen.
Verlässt das Weihnachtsoratorium nun den Konzertsaal und ist eine Nachahmung der Aufführungsbedingungen der Bachzeit nicht gewollt, kann eingedenk aktueller kultureller Voraussetzungen ein damals entscheidendes Merkmal seine Wiedergeburt dennoch feiern: Die Komposition wird im inszenatorischen Zugriff wie im Erlebnis ihrer Aufführung einem allgemeinen Gebrauch zurückgegeben und kann ihren Gebrauchswert zuungunsten ihres künstlich-künstlerischen Mehrwerts entfalten.

Laura Schmidt