Presse

Opernwelt Jahrbuch 2005
Nominierung zur Uraufführung des Jahres

Opernwelt 
OPER AM OFFENEN HERZEN
Musiktheater beim Berliner Avantgarde-Festival UltraSchall

Wenn ein Musik-Festival schon »Ultra-Schall« heißt, ist es bis zur »Oper am offenen Herzen« nicht weit. Derart kalauernd haben die Autoren einer »Opernsaga« namens »Kommander Kobayashi« ihr Vorgehen beschrieben. Diagnose: OP(er) dringend erforderlich, Praxisgebühr von 13 Euro bitte an der Abendkasse entrichten. Ergebnis: Patient lebt, ist aber kaum wiederzuerkennen.

Der Reihe nach: Das von Deutschlandradio und dem Rundfunk Berlin-Brandenburg veranstaltete hauptstädtische Avantgarde-Fest hat zwei Musiktheater-Produktionen gezeigt, die ursprünglich aus Hamburg stammen und verschiedener kaum sein könnten. Zunächst «St. Jago», vor fünfzehn Jahren entstandene «Musik und Bilder zu Kleist» von Dieter Schnebel, der in diesem Monat seinen 75. Geburtstag feiert. […]

Wie eine Parodie dessen wirkte die in den Sophiensälen gezeigte »Staffel 1« von »Kommander Kobayashi«, die zuvor Hamburgs opera stabile wiedereröffnet hatte. In dem von Sebastian Bark (Dramaturgie), Tobias Dusche (Text) und Sven Holm (Regie) erarbeiteten Stück geht es um alles, also irgendwie auch um nichts: Das Raumschiff »La Fenice« gondelt durchs All, wird von einem Kometen bedroht und einem Kommandeur befehligt, den vier »Hermenauten« (!) ständig neu interpretieren müssen.

Jede Folge dieser Kosmo-Soap hat einen eigenen Komponisten gefunden: Moritz Eggert, Aleksandra Gryka, Ricardas Kabelis, Juha T. Koskinen, Helmut Oehring und Jennifer Walshe schrieben ganz unterschiedliche Musiken – von der glatten Pop-Parodie (Eggert) über die ritualisierte Performance (Walshe) bis hin zum meisterhaften Mahlstrom des Oehring’schen »Featuredramas«. Musiker des Off-Ensembles NOVOFLOT unter Vicente Larrañaga steuerten zum großen Erfolg das Ihre bei.

Der Schein trog also: Seriöses entpuppte sich beim »UltraSchall«-Theater als kraftlos, Schräges als tiefsinnig. So ist es den »Kobayashi«-Leuten gelungen, aus Klischees von Science Fiction, Oper und verschwafelten Diskursen einen ernsthaften Drei-Stunden-Abend zu gestalten. Und wie das bei guten Serien so ist: Man fiebert einer Fortsetzung entgegen.

Berliner Zeitung
Eine Schwerelosigkeit, die die Postmoderne noch nicht kannte… Wir haben es hier mit einer großstädtischen Abendunterhaltung zu tun, deren Chic in der Gleichsetzung von Selbstauslegung und Selbstauflösung liegt. Gängige Coolness wirkt dagegen wie ein Lagerfeuer.

taz
Sven Holm inszeniert Opern, bei denen Sänger und Zuhörer über die Grenzen des Gewohnten gebracht werden.

Die Welt
Stimmlich, schauspielerisch, tänzerisch und turnerisch leisten die vier »Hermenauten« Unvergleichliches. … Sven Holm (Regie) und Leonie von Arnim (Bühne) spielen virtuos auf der Tastatur ästhetisch beglaubigten Widersinns.

Süddeutsche Zeitung
INTERGALAKTISCHE HIOBSBOTSCHAFTEN
Hamburgs opera stabile wird wieder eröffnet mit dem Weltallstück »Kommander Kobayashi«
Der Aufbruch in die Galaxis, in ferne Welten, vollzieht sich für den Astronauten nicht immer so geradlinig wie im Comic-Heft, in der vorletzten Startrek-Folge. Rätsel wabern. Multikulti führt zum stammelnden Sprachenwirrwarr. Chronologien brechen zusammen, und sie tun das vor allem im intergalaktischen Drei-Stunden-Epos »Kommander Kobayashi«, mit dem die »opera stabile«, Hamburgs Spielart fürs musiktheatrale Experiment, nach drei Jahren wiedereröffnet wird. Im neuen Gewand. Am neuen Ort. […]

Zunächst jedoch atmet man die Luft von anderen Planeten. Der »Kommander Kobayashi«, eine Berliner Coproduktion des Off-Ensembles Novoflot und des Ultraschall-Festivals, besucht die Hansestadt und kommt so zahlreich, wie man das wohl nur schafft, wenn man im Weltraum das Beamen gelernt hat. Verantwortlich für das, was im Raumschiff »La Fenice« passiert, sind sechs Komponistinnen und Komponisten: Aleksandra Gryka aus Polen, Jennifer Walshe aus Irland, Ricardas Kabelis aus Litauen, Juha T. Koskinen aus Finnland, und aus Deutschland Moritz Eggert sowie, besonders markant, Helmut Oehring.

Vicente Larrañaga dirigiert mal ein Dutzend, mal nur drei Musiker und am Schluss fast nur noch Geräuscherzeuger mit allem, was da knattert, knistert oder sich als Seifenblase hochpusten lässt. Die Musikanten bewerkstelligen das mit eingeweihtem Schmackes, stehen allerdings vor noch größeren Aufgaben. Das erste Bild beherrschen vier Gesangsdarsteller: Meik Schwalm, Hanna Dóra Sturludóttir, Julia Henning und Sibylle Fischer. So weit, so gut! Nur will es das kosmologische Konzept, dass jede der dramatis personae von der Musik eines anderen Tonsetzers betreut und umhüllt wird. So richtig kriegt man das nicht mit. Bühnendienstliche Moderne im Miniformat neigt ja zur Monochromie.

Drei Bilder in drei Stunden … das scheint auf die Symmetrie zu deuten, die »La Fenice«, der Name des Flugkörpers, verspricht. Doch es tost und tobt wild und wirr durch den weitläufigen Raum, den Leonie von Arnim für diese Space-Odyssee entworfen hat. Zum optischen Leitmotiv werden vier grellweiße, kühlschrankähnliche Mehrzweckobjekte, die man erregt oder ermüdet von einem Ort der Bühne zum anderen schieben, in denen man zitternd Zuflucht suchen kann.

Einer dieser Rätselspinde birgt einen schlaffen Fußball. Auf der Oberfläche eines anderen kann man intergalaktische Hiobsbotschaften in einen Computer tippen. Da steht man dann wie vor einem Schreibtisch, konzentriert sich auf das, was keiner so recht mitkriegt und setzt sich dann erschöpft, wie erloschen. Den ganzen Bühnenhintergrund besetzt eine Breitwand. Sie wird bevölkert von den üblichen Projektionen. Texte rasen vorbei, schneller, als man lesen kann. Kryptische Formeln schüchtern dich ein. Eine bilderbuchbunte Landschaft erblüht. Schwarze Puppen fallen vom Himmel. Plötzlich explodiert ein Raumschiff.

Ein Raumschiff? Dieses Raumschiff? Man begreift es nicht, soll es wohl auch nicht begreifen – in diesem Alptraumspiel, in dem die Figuren synchron herumhampeln, hochmütigen Blicks den Veitstanz exekutieren, plötzlich platt am Boden liegen. In entlegenen Sprachen redet man miteinander, aneinander und am Publikum vorbei. Manches erheitert. Manches ärgert – wird hier etwa das Chaos als der Kosmos von heute gefeiert?

Längst hat man die Flinte ins galaktische Korn geworfen. Das Programmheft reicht die rettende Hand: »Um nichts Geringeres geht es als um Leben und Tod, Raum und Zeit, Sein und Haben, Lärm und Stille, das Eigene und das Fremde, das Rohe und das Gekochte und und und…« Schön und gut! Wo aber bleiben Tom und Jerry, Plisch und Plum?

Frankfurter Allgemeine Zeitung
HERMENAUTEN
Roh oder gekocht: Kurzopern an der »Opera Stabile« in Hamburg
Herr Kobayashi ist »ein Mensch von ungefähr japanischer Herkunft« und besitzt Eigenschaften, die allesamt mit »Un-« anfangen: Unbestimmtheit, Ungereimtheit, Unverständlichkeit. Wer Kommander Kobayashi ist, bleibt das Rätsel einer Opernsaga, deren »Erste Staffel« an der soeben wiedereröffneten Experimentierbühne der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt wurde. Außerdem wird die Produktion, die ihre Eigenschaften mit denen des Kommanders teilt, auch beim jetzt begonnenen UltraSchall-Festival in Berlin gezeigt.

Die ersten drei Kurzopern stammen von sechs Komponisten. Diese modische Variante eines Pasticcio, von der Berliner Operncompagnie »Novoflot« entwickelt, zeugt von jener Fühlsamkeit für die flotten Novitäten des Zeitgeists, die solch einem Format den Bonus des unanfechtbaren Experiments sichert. In dem ersten der drei Stücke, auf harten Stühlen knapp drei Stunden lang abzusitzen, präsentieren vier Komponisten, darunter der als virtuoser Polystilist erfolgreiche Moritz Eggert, die als Hermenauten bezeichneten Raumfahrer. Hermeneutisch sind sie kaum zu deuten, weil sie sich nicht sprachlich logisch mitteilen. Jedenfalls müssen sich Scrabble, Go, Tii und Ma in vier solistischen Episoden jeweils »versus Komet« (Chiffre für Chaos, Zerstörung und Unheil) behaupten. Ihre Waffen sind die des Tollhaus-Theaters. Komponist der zweiten Oper – »Kobayashi singt (unter fremden Sternen)« – ist der Berliner Helmut Oehring, der, als Kind gehörloser Eltern aufgewachsen, Text, Gesang und Gebärden collagiert und die Titelfigur auf den japanischen Tenor Soichi Kobayashi, einen Gebärdensprecher und einen Gitarristen verteilt. Daß Oehring sein Raumschiff »La Fenice« durch die erdenferne Milchstraße bewegt, wird mit allerlei auf eine Videowand projizierten Fragen der Astronomie oder Astrophysik angedeutet. Irgendwie geht es wohl um die Probleme von Raum und Zeit.

In der dritten Oper mit dem tarantino-tollen Titel »set phasers on KILL« geraten der Kommander und seine Mannschaft, auf ein fremdes Raumschiff stoßend, in den Bann einer stärkeren Macht. Verkörpert wird sie von der Komponistin selber, der irischen Vokalkünstlerin Jennifer Walshe, die auf einem elektronischen Instrument John Dowlands »Flow my tears« anklingen läßt, dieweil das Quartett schnalzend, lallend, röchelnd, zischend auf die apocalypse now wartet, während eine Instrumentalistin durch einen Ring Seifenblasen pustet und mit einer Plastiktüte vor dem Mikrophon raschelt.

Der Sinn des kryptischen Spiels wird in der postkartenkleinen, aber vierundsechzig Seiten starken Packungsbeilage erläutert. Das philosofaselnde Programmheft verrät, daß es um »nicht weniger« geht als um Leben und Tod, Sein und Haben, Lärm und Stille, Glück und Traurigkeit, das Eigene und das Fremde, das Rohe und das Gekochte, die Begegnung mit dem Anderen und mit sich selbst, kurz: »eine Irrfahrt durch das gewaltige Universum«. Daß es um »nichts weniger« geht, zeigt die dortselbst zu lesende Einsicht, daß das Chaos die zu sich selbst gekommene Form sein könnte. Das Publikum akklamierte fröhlich mit dem zur Routine gewordenen Gemisch aus Beifallsgepfeife und Jubeljuchzen.