Texte

DIE SAGA


Der mythische Vogel Phönix weiß, dass er neu geboren wird, wenn er sich in die Flammen der Sonne stürzt. Die Raumfahrer der La Fenice auf ihrem prekären Weg zwischen Alltag und Ewigkeit haben diese Gewissheit nicht. Aber wo sind eigentlich die Flammen der Sonne? Wer sind wir überhaupt, und wurden wir schon geboren? Einer Durchsage zufolge wurde der Flug des Phönix bis auf weiteres gecancelt …

Kommander Kobayashi führt das Raumschiff La Fenice und eine Handvoll Raumfahrer auf einer rätselhaften Suche oder Flucht durch Raum und Zeit. Eine wahre Odyssee: Abenteuer müssen umgangen und Hindernisse geleugnet werden. Um nichts Geringeres geht es als um Leben und Tod, Raum und Zeit, Sein und Haben, Lärm und Stille, Glück und Traurigkeit, das Eigene und das Fremde, das Rohe und das Gekochte, die Begegnung mit dem Anderen und mit sich selbst, kurz: eine Irrfahrt durch das gewaltige Universum, das von innen wie von außen unablässig gegen die Schädelwände brandet, und das verstanden, bestanden oder wenigstens überstanden werden will.

Eine Mission ist nicht bekannt. Vielleicht ist die Suche nach einer Mission die eigentliche Mission der Raumfahrer um Kommander Kobayashi. Oder ist Mission ein altes Statussymbol, zu dem man den Bezug längst verloren oder aufgegeben hat? Ist dieses Chaos vielleicht schon die zu sich selbst gekommene Form? Sind wir im Paradies, fragen sich im Stillen die Raumfahrer, oder auf verlorenem Posten? Gibt es eine Grenze, oder sind wir schon darüber hinaus? Gibt es überhaupt noch eine Reise? Ob man sich noch bewegt, ob man je ankommt, wo auch immer – man weiß es nicht.

Doch eine leise Ahnung schwingt in den Raumfahrern der La Fenice wie ein vertrauter aber kaum mehr wahrgenommener Klang: Es gibt noch etwas zu tun. Die Reise ist noch nicht zuende. Ein Fortkommen ist möglich durch eine konsequente Neubewertung der eigenen Situation. Schritt für Schritt, Quantensprung für Quantensprung lässt sich ein Weg zurücklegen, der mit bekannten Maßstäben nicht gemessen werden kann. Selbstauslegung ist die avancierteste Antriebstechnik, und die Raumfahrer um Kommander Kobayashi werden sie anwenden, um ihr Ziel zu finden oder ein anderes zu erreichen.

Übrigens – wer oder was ist eigentlich Kommander Kobayashi?

Kommander Kobayashi

ist wahrscheinlich ein Mensch von ungefähr japanischer Herkunft. Er ist auf unverbindliche Weise angenehm und einnehmend, dabei aber ungemein unbestimmt. Kobayashi verkörpert eine gewisse Unschärfe, sein Auftreten ist Ungereimtheit und sein Wesen Ungenauigkeit. Alles, was Kobayashi sagt oder tut ist irgendwie unverständlich und wird von Tag zu Tag unverständlicher. So scheint Kobayashi irgendwie geeignet, eine kleine Gruppe von Raumfahrern irgendwohin zu führen.

Kobayashi wirkt so sicher in seiner Unsicherheit, so bestimmt in seiner Unbestimmtheit. So klar in seiner Unschärfe wirkt Kobayashi, aber wieso?

Vielleicht trägt Kobayashi ein tieferes Wissen – welches Wissen? – oder jenes Wissen trägt ihn, Kommander Kobayashi, durch eine finster-finstere Zeit. Vielleicht leitet ihn eine innere Stimme? Vielleicht hat er Kontakt zu nahen oder fernen Mächten? Kobayashi – Radio Gottes, Schwingungsschreiber ferner Erregung, Oszillograph unergründlicher Ströme, die nur nach außen dringen, wenn Kobayashi gerade nicht schweigt. Aber ist das, was Kobayashi spricht, wirklich das, was man hören sollte? Ist das Radio richtig eingestellt? Und wie kann man es an- oder abschalten? Ist Kobayashi denn gesund? Ist er überhaupt wach?

In den Raumfahrern schwelt die Hoffnung, man könne lernen, Kobayashi richtig zu bedienen, er könne geheilt werden oder würde erwachen, und dann wäre alles klar und einfach, und Kobayashi würde ein richtiger Commander sein! – Aber vielleicht ist Kommander Kobayashi auch die Aufgabe, die den Raumfahrern gestellt ist, die Prüfung, die sie bestehen müssen, das letzte Rätsel der Raumfahrt, das gelöst werden muss …

Kommander Kobayashi ist ein Rätsel, und sein Alltag ist der Alltag eines Rätsels. Die Raumfahrer picken Brosamen der Wahrheit von seinen Lippen – wahrlich, ein hartes Brot! 

… und die Hermenauten

Die Raumfahrer sind tapfer, sie tragen ihr Los wie Helden (oder Staatsbeamte). Und doch hadern sie mit ihrem Schicksal. Sind sie kompetent, sind sie der Aufgabe gewachsen? Ist jeder an den richtigen Platz gestellt? Vielleicht sind alle verwechselt worden oder vergessen und längst arbeitslos? Auf alle diese Fragen weiß Kobayashi keine Antwort; oder wenn er sie weiß, so sagt er sie nicht; oder wenn er sie sagt, so versteht man sie nicht.

Die Raumfahrer sind hoch qualifizierte, hart trainierte Spezialisten (jeder auf seine Art), und es gibt wirklich keinen, der Kobayashi besser verstehen kann als eben diese Raumfahrer. Dennoch verstehen sie Kobayashi nicht. Aber die Raumfahrer geben nicht auf, und aus der Notwendigkeit der Deutung und Auslegung Kobayashis hat sich eine eigene, kleine Gesellschaft ausgebildet – die Gesellschaft der Hermenauten:

Go

… ist empathisch begabt, und so hat sie sich zur wichtigsten Deuterin Kobayashis aufgeschwungen, zur Hohepriesterin der Hermenauten. Der Empath ist die Schlüsselposition an Bord, und Empathie ist die Königsdisziplin in der Raumfahrt.  Tatsächlich aber ist Gos Begabung zu schwach, und sie kann nur wiederholen, was Kobayashi sagt. Interpretieren kann sie es nicht. Die Deutung Kobayashis bleibt weiterhin die zentrale Arbeit der Hermenauten.

Kobayashi, mein Rätsel, löse dich für mich. Da! Kobayashi hebt die linke Braue: Was hat es zu bedeuten? Nichts. Der Zwölf-Elf senkt die linke Hand: Und wieder schläft das ganze Land.

Go möchte vor allen Dingen verstehen. Aber Kobayashi ist nicht zu verstehen, und darunter leidet sie sehr. Manchmal hasst sie Kobayashi, weil er sie nutzlos und schwach erscheinen lässt. Aber viel mehr noch liebt sie ihn, weil er so unerreichbar ist. Diese Liebe (sie wächst stetig, ein zartes Pflänzchen) muss unter allen Umständen verborgen bleiben. Liebe ist für den Empathen nur ein Werkzeug unter anderen, sich in Gedanken und Gefühlswelt anderer einzuschleusen. Liebe als Eigenes, als Privates, als Glück zu denken, ist nicht standesgemäß. Und zudem sehr gefährlich, schließlich muss man aus dem Anderen auch wieder heraus. In schwachen Momenten fragt sich Go, ob sie sich die empathische Begabung nur eingeredet hat, als Vorwand, sich die Liebe zu versagen; oder redet sie sich die Liebe nur ein, um ihr empathisches Versagen zu verschleiern?

Ma’

Marten van der Jongg, Ma’ genannt, wegen seiner mütterlichen Sorge und Strenge, ist der größte Kritiker und Gegner Kobayashis. Er predigt Verständlichkeit, Sinnhaftigkeit und den bedächtigen Aufbau einer wiederholbaren Struktur. Unter Kobayashis Führung sieht er Schiff und Mission gefährdet. Oft verspürt er den starken Drang, Kobayashi abzusetzen und seinen Platz einzunehmen. Aber Kobayashi wäre ein schwieriger Gegner, weil er zu unbestimmt ist, um von einem bestimmten Angriff getroffen zu werden.

Ma’ ist ein kerniger Typ, aufrecht, zupackend, ein Raumfahrer von altem Schrot und Korn, dem keiner ein X für ein U vormacht, und der schon die Rückseite des Universums gesehen hat. Vielleicht hat er schon zu viel gesehen, denn Ma’ klammert sich an Regeln und Gesetze, ist zwanghaft und traditionsbewusst bis zum Aberglauben. Kobayashi in all seine Unbestimmtheit macht ihn furchtbar nervös. Zuweilen erscheint ihm der Gegenspieler wie eine Naturgewalt, so gleichgültig und mächtig wie der Ozean des Weltalls dort draußen, gegen den die Menschheit seit Raumfahrergedenken ankämpft, um ihm Schätze, Geheimnisse, einen Sinn abzutrotzen.

Scrabble

… ist eine nicht-menschliche Lebensform aus der Familie der Puzzletierchen (eine von zahllosen Lebensformen, die sich während gigantischer Migrationsbewegungen in menschlichen Lebens- und Arbeitsverhältnissen niedergelassen haben). Ihr Stoffwechsel zwingt die Puzzletierchen, alles Sinnlose in sinnhafte Kreuzwortstrukturen umzugruppieren. Sinnhaftes zu produzieren ist für Puzzletierchen reflexhaft wie verdauen und atmen. Aus Widerspruch, Doppeldeutigkeit und Unsinn gewinnen die Puzzletierchen ihre Nahrung. In einer rein logischen, widerspruchslos sinnvollen Umgebung, gäbe es für Scrabble nichts umzuwandeln, es müsste verhungern. Bewusstsein und Verdauungstrakt sind eins. Sinn ist die Ausscheidung am Ende aller Stoffwechselprozesse.

Wie die meisten mit Bewusstsein begabten Lebensformen, schämt sich Scrabble für seine Ausscheidungen. Es hasst die organisch-zwanghaften Sinnbildungen, die es immer und überall absondert. Scrabble träumt davon, wie Kobayashi zu sein: unscheinbar, undeutlich, undeutbar – und vor allem spurlos. Scrabble träumt von Viren und Würmern, die seine Ausscheidungen zersetzen, indem sie alle sinnhaften Strukturen auflösen. Scrabble sucht ein Gegengewicht zur zwanghaften Sinnproduktion, etwas Unsinniges, Sinnzerstörendes und Sinnüberschreitendes. Nur wo sein stoffwechselndes Denken ausgeschaltet ist, wo das Bewusstsein ausgetrickst und umgangen wird, können Sinnlosigkeit und Unsinn entstehen. In seiner Freizeit versucht Scrabble auf vielfältige Weise, sein Bewusstsein auszuschalten. Um das Bewusstsein auszuschalten und die Scham zu umgehen, bildet es raffinierte und verblüffende Techniken aus …

Tii!

Niemand weiß, wie lange Tii! schon an Bord ist, aber alle sind sich einig, dass sie am Anfang noch nicht dabei war. Tii! registriert minutiös, was auf der La Fenice vorgeht. Nichts entgeht ihren schönen Augen, und sie nutzt ihre zahlreichen Talente, um Einblick in alle Vorgänge und Entscheidungen der Raumfahrer zu bekommen.

Nach außen hin verkörpert Tii! einen unerschütterlichen und schier grenzenlosen Optimismus. Alles ist für sie ein großer Durchbuch, die entscheidende Annäherung, ein erster Schritt oder wenigstens ein gutes Zeichen. Was Kobayashi sagt, ist groß – was es bedeutet Nebensache. Kobas Wort in Yashis Ohr! Frohlocken und Jubilieren sind Tii! gemäße Ausdrucksformen. Oft führt sie einen frohen Sinnspruch, ein Gedicht, ein Liedchen auf den Lippen. Sie führt sich auf wie Hans-im-Glück oder Hans-guck-in-die-Luft (oder Hans Wurst). Wenn etwas schief geht, aus dem Ruder läuft, und zwar gründlich, wird sie zur schnellen Eingreiftruppe. Tii! ist Troubleshooter, Mediator, Schlichter aus Passion. Problemlösungsstrategien, Monitoring, Einzelgespräche und Gruppentherapien sind ihr Element. Sprechzeiten nach Vereinbarung.

Tii! funktioniert wie geölt – manch einer hält sie für eine Maschine, und wahrscheinlich ist sie das auch. Oder warum unterhält sie ein so vertrautes, fast intimes Verhältnis zum Raumschiff La Fenice? Spielt Tii! ein doppeltes Spiel? Ist sie eine Bedrohung für Kommander Kobayashi? Der jedenfalls ignoriert sie wo er kann. Offenbar spielt Tii! eine geheime Schlüsselrolle in der Gesellschaft der Hermenauten …

 

STAFFEL 1 – DIE FOLGEN

 

4 HERMENAUTEN
PILOTFOLGE IN VIER SZENEN


4 Hermenauten (1). Scrabble vs. Komet
Scrabble ist ein Verdammter. Sisylus-Tantaphos. Verdammt, den Unsinn dieser Welt zu verdauen. Chaos fressen und Sinn scheißen. Stoffwechselstube. Blanker Unsinn gegen baren Sinn. Ein Geschäft jenseits der Schamgrenze. Ein Skarabäus, der aus Scheiße Sinn erschafft. Vor sich herrollen, die stinkende Sonnenscheiße. Den ganzen Tag. Das ganze Leben. So ein Dreck. So eine Schmach.

Die Hermenauten beachten Scrabble nicht. Sie haben eine Ahnung, aber sie haben keine Ahnung: Etwas kündigt sich an. Aber was?
Mühsam fischen die Hermenauten im Trüben. Mit einer ebenso ziellosen wie präzisen Technik der freien Assoziation bringen sie tote Worte hervor, sinnleere Larvenhüllen. Sie fassen es nicht.

Wieder muss Scrabble den Unsinn der Hermenauten verdauen. Stotternd. Reflexhaft. Unwillkürlich. Frenetische Extasen. Lallende Exzesse. Wie peinlich! Tastend grenzt das Puzzletier im Wortraum einen Sinnkörper ab. Dann scheißt es ein Wort. Klar, einfach und blank wie ein Kieselstein: KOMET
Das Puzzletier schämt sich abgrundtief.

Ein Komet kommt. Er rast auf das Raumschiff La Fenice zu. Der Komet wird alles zerstören!

Scrabble findet gefallen an dem Gedanken: Der Komet wird zerstören!
Zerstörung schafft Schrott. Und Dreck. Und Stuss. Davon nährt sich (mühsam) das Puzzletier.
Scrabble findet gefallen an dem Gedanken: Der Komet wird alles zerstören!
Auch die Hermenauten. Auch Kobayashi. Auch Scrabble!
Kein Scrabble, kein Stoffwechsel. Chaos ohne Verdauung! Unsinn ohne Sinn! Das ist das Ende:
Das Ende der Schöpfung. Das Ende der Scham!
Scrabble gerät in süßeste Verzückung!

Scrabble begrüßt den Kometen, seinen Erlöser, mit einem Liebeslied:

Komet, du Heiland, schlage ein,
Wo Scrabble war, soll Chaos sein.
Erschaffe Dreck und Schrott und Stuss,
Den keiner mehr verdauen muss.

Nimm alles, lieblicher Geselle,
Komm über Scrabbles Jungfernschwelle
Zerstäube es mit deinem Kuss,
Dass es sich nie mehr schämen muss.

Scrabble macht sich bereit, den kalten Kuss des Kometen zu empfangen.
Bald wird es geschehen. — Gleich. — Jetzt!

Der Aufprall ist eine Enttäuschung. Go spürt eine leichte Druckveränderung und vergisst sie sofort wieder. Scrabble vor die Füße fällt ein Kieselstein. Das ist der Komet. Er ist ebenso klar, einfach und blank wie sein geschissener Name – zu klein, um La Fenice zu vernichten.
Scrabble hebt den Kometen auf und verbirgt ihn in seinem Brustbeutel.

4 Hermenauten (2). Go vs. Komet
Ein Komet fliegt auf das Raumschiff La Fenice zu. Die Hermenauten rufen nach Kobayashi.
Keine Antwort.

Go wird sich drum kümmern. Ist ja ihr Job. Go hat die Begabung hat die Verbindung zu Kobayashi den direkten Draht. Ich frage ihn einfach!

Go steht vor der Tür von Kommander Kobayashi. Aber sie traut sich nicht. Was, wenn sie die Frage falsch formuliert? Wenn sie die Antwort nicht versteht? Wenn sie sich wieder in Kobayashi verliebt? Wenn sie versagt, wie jedes Mal?
Go wirft alle Hermenauten raus: Raus! Ich muss mich konzentrieren!

Go kann sich nicht überwinden, Kobayashis Tür zu öffnen oder auch nur zu klopfen.
Ihre Sammlung! Die Kobayashi-Reliquien müssen Go helfen, sich ein Bild zu machen von Kobayashi. Einen Zugang zu finden, sich vorzubereiten auf den Moment.
Go ahmt aufgeschnappte Gesten von Kobayashi nach. Um Kobayashi nahe zu sein, ihn zu verstehen.
Die Hermenauten stören. Die Momente verstreichen.

Go tagträumt, dass sie mit Kobayashi alleine auf dem Kometen reist. Ein Tête-à-tête. Ein fliegendes Duett. Ein Rendevous zwischen den Sternen. Allein mit Kobayashi. Ein Idyll:

Es gibt ein kleines Land wo meine Liebe wohnt,
ein palmenloser Strand, an den das Weltall brandet.
In meiner Phantasie bin ich dort oft gestrandet,
Doch nur mit dir allein hat es sich je gelohnt.

Fliege, fliege,
Komet ins Sternbild Liebe.
Fliege, fliege,
Komet, kehr nie zurück.
Fliege, fliege,
Komet, zu meiner Liebe.
Fliege, fliege,
Komet ins Sternbild Glück.

Gemeinsam lauschen wir dem Flüstern der Quasare,
Die Richtung stimmt genau in unserm Himmelbett.
Triebsäfte rauschen mir durch alle Kapillare,
Zum Sternbild Liebe, schau, fliegt der Kometenjet.

Fliege, fliege,

Gos Tagtraum wird zum Albtraum. Der Komet fliegt ja immer noch auf das Raumschiff La Fenice zu. Der Komet, auf dem Go mit Kobayashi reist, wird La Fenice zerstören!

Wieder steht Go vor Kobayashis Tür. Jetzt oder nie! Aber es geht nicht. Unmöglich! Go kann die Tür nicht öffnen. Sie kann Kobayashi nicht fragen! – Scheiß Kobayashi!  Kobayashi ist an allem Schuld!
Go verflucht Kobayashi: Meine Strafe, gib mir Frieden, blödes Arschloch, nerv mich nicht! Kobayashi, fahr zur Hölle!

Der Komet schlägt in Kobayashis Kabine ein. Er zerstäubt alles, was darin ist.
Die Hermenauten rufen nach Kobayashi.
Go leckt Kobayashis Staub von ihren Händen. Nie war sie Kobayashi so nahe.

4 Hermenauten (3). Tii! vs. Komet
Sie trauen Tii! nicht. Das war schon immer so. Tii!-Check, Tii!-Check rufen sie, sobald Tii! morgens die Augen öffnet. Sie könnte ja eine Agentin sein. Irgendwie gesandt oder irgendwie im Bunde. Oder eine Maschine. Programmiert. Mit verheerendem Auftrag. Eine Bombe. Mit verdecktem Zünder. Eine Fremde. Eine Zumutung, alles in allem. – Ja, kann schon sein.

Um Tii! zu testen oder sich zu vergnügen, lassen die Hermenauten jeden Morgen die Puppe tanzen. Bodycheck bei jeder Begegnung. Harte Prüfungen, schwere Fragen.
Doch Frage niemals: Wer bist du? Denn wenn Tii! nicht die echte Tii! ist, wird die Antwort tödlich sein! 

Alles ist schön.
Die Berge und die Seen,
Die Täler und die Auen,
Würd man am liebsten klauen.
Alles ist schön.

In junger Schöne lächelten die Himmel wieder
Auf Kobayashis La Fenice nieder
Voll Zärtlichkeit.
Es lagen lustig da die Schrauben und Pedale,
Aus Sterngewölken von der Sonnen Strahle
Holdselig angelacht:
Turbinen schimmerten, die blechern Flächen alle
In funkelichter Pracht.
Und sieh! da lugt von Bug zu Heck ganz prächtig ausgespannt
Ein Strahlenbogen übern Rand. –

Alles ist schön,
Die Häschen und das Ren,
Die Wanzen und die Meisen,
Würd man am liebsten speisen.
Alles ist schön.

In junger Schöne lächelten die Himmel wieder
Auf Kobayashis La Fenice nieder
Sterne und Raumschiff im lachenden Glanz
Wiegten sich um mich im sanftesten Tanz.

Alles ist schön.

Die Hermenauten sind entzückt. Sie wollen mehr.

Von allen unbemerkt, nähert sich ein Komet.

Aus Tii!s Gesang entwickelt sich ein Tänzchen. Die Hermenauten tanzen mit.
Tii! bemerkt den Kometen und erstarrt vor Schreck. Auch der Komet erstarrt. Die Hermenauten kommen aus dem Tritt.
Tii! kann mit ihren Bewegungen den Kometen lenken! Also lenkt Tii! mit ihren Bewegungen den Kometen.
Die Hermenauten versuchen, mitzuhalten, aber der Tanz wird etwas sonderbar. Spinnt Tii!?
Tii! tanzt für den Kometen. Die Hermenauten werden misstrauisch.
Tii! tanzt für die Hermenauten. Aber dann entgleitet ihr der Komet.
Tii! gerät in Stress! Und dann passiert es:

Tii! hat eine Schizo-Krise! O Gott, nein!
Bin ich eigentlich ich, denkt Tii!, oder ist Tii! eine Andere? Die Hermenauten hören auf zu tanzen. Misstrauisch beobachten sie Tii! in der Krise.
Auch der Komet hört auf zu tanzen.
Misstrauisch beobachtet der Komet Tii!. Er kommt ganz dicht an Tii! heran.
Wer bist du?, fragt der Komet.
Die Hermenauten erstarren vor Angst und Erwartung.
Tii! öffnet langsam den Mund wie ein bodysnatcher und schreit:

Tiii!!!iiiiii!!!!!!iiiiiiiii!!!!!!!!!iiiiiiiiiiii!!!!!!!!!!!!iiiiiiiiiiiiiii!!!!!!!!!!!!!!!iiiiiiiiiiiiiiiiii!!!!!!!!!!!!!!!!!! iiiiiiiiiiiiiiiiiiiii!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

Tii!s Schrei zerstört den Kometen, die Hermenauten und das Raumschiff La Fenice.

4 Hermenauten (4) . Ma’ vs. Komet
Die Nacht und kein Ende. Die Hermenauten schlafen den Schlaf der Gerechten.
Ma’s Schlaf aber ist der einer sorgenden Mutter. Aufmerksam und immer bereit, die Gefahr zu hören oder ein unregelmäßiges Atmen des Kindes.
Etwas stimmt nicht! Ma’ horcht in die Nacht. Pulsare pulsieren. Galaxien dehnen sich aus. Kometen schwirren wie Mücken durchs All — Ein Komet!

Ma’ ist voll da:  Ein Komet rast auf La Fenice zu. Er wird alles zerstören!
Wer wird sich kümmern?
Ma’ zählt ab: Wer hat den größten Schuh? Der größten Schuh hast du. Wer hat die Hosen an? Der Mann, der alles kann. Für wen ist der Komet? Für den, der jetzt hier steht.
Ma’ ist ausgewählt. Er wird sich kümmern. Jetzt kann er beweisen, dass er für Krisen geschaffen ist. (Die fressen ihm aus der Hand, die Krisen!)

Ma’ erklärt, wie man einen Kometen zu nehmen hat: Jeder Komet ist anders. Man muss ihn nehmen, wie er kommt. Meistens ist er dein Feind. Der Komet ist undankbar. Also schenke ihm nichts. Der Komet ist dumm. Also frag ihn nichts. Er kommt immer von vorne. Der Komet ist dein Schicksal. Du kannst dich nicht ducken.

Und da ist er auch schon, der Komet. Ma’ nimmt ihn, wie er kommt. Das ist der Ernstfall, auf den Ma’ immer gewartet hat.
Ma’ stellt die Hermenauten auf, um dem Kometen zu trotzen. Ein erschreckender Anblick! Das Quartett der Hermenauten singt dem Kometen entgegen:

Kommt ein Komet geflogen,
Wir stehen längst zur Wehr,
Die tapferen Hermenauten
vom Hermenautenheer.
Es funkelt hell die Rüstung
Im Kometenwiderschein,
Ach, renne, renne, Hermenaut,
Gleich schlägt er ein!

Du Racker, du Luder, du Racker, du Luder … (optional)

Kommt ein Komet geschossen,
Wir stehen wie ein Mann,
Dem Unhold zu begegnen,
Ein jeder, wie er kann.
Was können wir Hermenauten
Schon gegen den Komet,
Ach Freunde, lasst uns laufen –
Zu spät, zu spät.

Du Racker, du Luder, du Racker, du Luder … (optional)

Kometchen kommt geflogen
Und schaut zum Fenster rein,
Ob noch ein Hermenaut
Nicht mag im Bette sein.
Und finds ein Hermenautlein,
Dann schlägt es munter drein,
Schlafe, schlafe, Hermenaut,
Schlaf ein.

Das Kampflied wird ein Schlaflied. Der Hermenauten schlafen ein. Ma’ allein ringt mit dem Kometen. Mann gegen Mann. Ma’ vs. Komet: Nun hast du mich gefunden. Ich bin Ma’. Meine Hände sind leer. Ein Komet ist auch nur ein fauler Zahn. Du bist doch auch allein. Du Sau. Armer Wicht; Ich fasse dich nicht. Ich öffne die Hände. Nun saust das Schicksal dahin …Kobayashi singt (unter fremden Sternen)
Ma’ öffnet die Hände. Der Komet saust dahin.

 

KOBAYASHI SINGT (UNTER FREMDEN STERNEN)

Haben die Hermenauten einen Zugang zu Kobayashis Kopf gefunden, durch Zufall oder Fügung?
Sind Tii!, Scrabble und Go in Kobayashi eingetreten (während Ma’, treusorgende Mutter, draußen pflichtbewusst den Hermenautendienst versieht)?
Steigen 3 Hermenauten in eine Kobayashi-Welt (Inventur), in der alles aussieht wie Kobayashi, alles sich anhört wie Kobayashi, alles wie Kobayashi schmeckt und alle Zeichen nur eines sagen: Kobayashi?
Schreibt Schrift Kobayashi? Spricht Sprechen Kobayashi? Singt Singen Kobayashi?
Ist alles so? Wer sieht das, wer bezeugt das – Kobayashi?

Eigentlich wollte ich nicht / Aber es war mein los / Das des geduckten taubblinden nacktwiesels. Kobayashi räsoniert. Kobayashi, also einer von denen. Kobayashi oder einer liebt die Fiktion linearer Erzählung. Spärliche abersilbensprache. Und zwischen dem und dem und dem ist alles nichts ist alles.

Dabei weiß er: Zeit breitet sich kreisförmig aus. Kobayashi breitet sich vom Zentrum in jede Richtung aus. Wohin man sieht: Kobayashi. Aber wer ist das Zentrum? Wer hat den Fehler gemacht?
Kobayashi hat ihn selbst noch erlebt, seinen Vorgänger, den Urvorgänger, das Zentrum: Kobayashi.
Wo ist er? Ich vermute, er versucht im Moment das Problem mit einer Rückreise bis zur Eingabe der falschen Daten zu lösen. Kobayashi revidiert sein Leben. Wenn ihm das gelingt, habe ich das nie beschrieben.

Wind wird Rauschen Alles war ruhig und still. Selbstgespräche. Nicht nur erfreulich. Alle jagten ihn, den Vater. Der Eine und die Vielen. Aber wer ist der Eine? Bin ich ein Vieler? Wer schafft da Ordnung. Wo ist oben in der Hierarchie? Da gilt es plötzlich was, dem Schöpfer nah zu sein in Alter und Erfahrung. Was wenn der Eine stirbt oder lebt er noch? Und war es gar kein Fehler? Jetzt fängst du wieder mit dem Zufall an. Diese Diskussion könnte kein Ende finden.

Kobayashi hat hunderte Kinder. Er wird sie alle umbringen, damit das Fragen ein Ende hat. Es war schwer ihnen ins Gesicht zu sehen. Es war mein Gesicht. Ich hätte es an ihrer Stelle auch nicht geglaubt. Es gibt keine familie / Wir sind kamele der sandschatten / Schwarzzeichen des weissen lauschens. Ein Krampf geht durch den Körper Kobayashis. Ein Kampf der Körper Kobayashis. Wenn doch mal Ruhe wäre. Nur der eine streitet nicht. Ich muss sie irgendwo absetzen. (Vielleicht täusche ich am bläulichen Planeten eine Panne vor…)

Die Flüssigkeit, durch die wir ins Gestern tauchen fest zu halten: Hermenautendelirium?

Traum von Gott. Was ist? Sag du’s mir. Ich bin ja auch ein Schöpfer. Aber sie sehen alle aus wie du. Es kotzt mich an. Blöder Arsch stand auf dem Zettel.

Schnelle Schiffe sind vor dem Start zurück. Niemand wurde stutzig, als er mit wehenden Fahnen floh Als er mit halbkaputtem Schiff davonflog, eine Werkstatt zu finden für das Problem. Das hatte er gerade gelöst. Endlich. Der Eine oder ein Anderer bevölkert den bläulichen Planeten mit Auswüchsen nach seinem Angesicht. Empfiehl dich deinem Schöpfer. Und natürlich wurde er verehrt. Bericht folgt, ausführlich.

Ist alles so? Haben die Hermenauten einen Zugang zu Kobayashi gefunden oder umgekehrt und steigen herab in einen unentscheidbaren Kosmos Kobayashi? Wer sieht das, wer bezeugt das – Ich: Kobayashi? Noch mal von vorne.

 

KOMMANDER KOBAYASHI #17:
„SET PHASERS ON KILL!”

Kommander Kobayashi und die Hermenauten jagen durchs endlose All.
Sie jagen rätselhafte Dinge. Eins führt zum anderen. Eine deutliche Spur.
Die Hermenauten sind auf der Jagd nach dem einen Ding, das ihrer Sammlung fehlt: the missing link.
Sie haben die Fährte aufgenommen. Die Fährte führt zu einem fremden Raumschiff.
Finden sie dort das letzte Ding?

Das fremde Raumschiff ist bewohnt. Es hat nur einen Bewohner: Ine.
Ine ist teils-teils: teils ist sie Mensch, teils Tier, teils Plüschtier.

Ine hat einen Satinschirm und eine kleine Kuh. Das sind die Insignien ihrer Macht:
mit dem Schirm lässt Ine die Hermenauten auf der Stelle erstarren, die armen Schweine.
Ine zwingt die Hermenauten auf die Schulbank und lässt sie ihre sonderbare Sprache lernen. Tierlaute. Die Sprache ist ein Zoo, das Sprechen eine Dressur.

Ine will alles wissen über die Mission der Hermenauten. Die Hermenauten erzählen ihre Legende: eine Routine-Mission, eine rein zufällige Begegnung…
Wie lange seid ihr schon Hybride, fragt Ine. Die Hermenauten sind konsterniert. Ma’ ist beleidigt. Wer ist hier ein Hybrid? Die Nerven liegen blank.
Tierlaute hin oder her – mit den Hermenauten kann man nicht vernünftig reden. Mit ihrem Schirm versetzt Ine alle in Trance – alle bis auf Kobayashi.

Auf wundersame und ergreifende Weise teilt Ine sich Kobayashi mit: Ine ist die Letzte ihres Volkes. Der Weltuntergang ist Geschichte. Ihre Mission ist vorbei. Sie hat keinen Ort mehr und niemanden, der sie versteht. Das Vermächtnis ihres Volkes ist ein Supertoxin: um sich aus der Welt zu schaffen. Und das will sie auch tun – den Untergang verbessern, der sie vergessen hat.

Oder kann Kobayashi es sein: ein Ort, der sie versteht?

Die Hermenauten werden unruhig in ihrer Trance. Jeder macht sich so seine Gedanken:
Go ist eifersüchtig auf die viele Zeit, die Ine mit Kobayashi verbringt.
Ma’ ist überzeugt, das letzte Ding, the missing link, das Ende der Spur, der die Hermenauten so lange gefolgt sind, gefunden zu haben: Ines kleine Plüschkuh.
Scrabble warnt vor übereilten Schritten und will Kobayashi ins Vertrauen ziehen.

Kobayashi verbietet, die kleine Kuh zu stehlen. Er will mehr lernen über Ine und die kleine Kuh.
Ma, Scrabble und Go planen eine Meuterei. Gesagt, getan. Go stiehlt Ines Satinschirm und lässt Kobayashi auf der Stelle erstarren. Die Hermenauten kämpfen mit Ine.
Als Ine verliert, umarmt sie ganz fest die kleine Kuh – und fällt Tod zu Boden.

Mit Ines Tod hört Kobayashis Erstarrung auf. Kobayashi macht eine erschreckende Offenbarung:
Die Hermenauten leben mit einem gefälschten Gedächtnis: Um sie widerstandsfähiger zu machen, wurden die Gene der Hermenauten mit Tiergenen gefälscht. Es hat sie zu gefährlichen Hybriden gemacht. Unsterblich und tödlich für jedes menschliche Wesen.
La Fenice ist die Verbannung der Hermenauten. Es gibt keine Mission, und es gab nie eine Mission.
Die Jagd war eine Schnitzeljagd: die Spur der Dinge hat Kobayashi selbst gelegt. Sie führt zu Ines Supertoxin. Die Kuh ist das Gift ist das letzte Ding.

Das Ende der Jagd ist die Offenbarung des Kobayashi:
Sterben ist die einzige Mission der Hermenauten.

Ob die kleine Kuh noch geht?
Ob sie für alle reicht?

 

WEITERE FOLGEN UND MUTMASSUNGEN

Suche im Innern

Kobayashi hat sich ins Innerste des Raumschiffs zurückgezogen. Er sucht das verlorene DA. Er sucht es nicht im innersten Raumschiff, sondern in sich selbst. Kobayashi singt. Kobayashi jubiliert. Er säuselt. Er winselt. Er heult. Er flüstert, flattert, zischelt, rauscht. Kobayashi sucht (try and error) in seinem Innersten das verlorene DA. Er wimmert, bettelt, keucht. Er hustet, er kräht, er krächzt und kotzt. Kobayashi verliert seine Stimme. Das geht vorüber. In seinem Geist bewegt Kobayashi die Stimme, ganz leicht, wie eine zarte Seele im Morgenwind.

Die Mannschaft des Raumschiffs aber sieht sich ohne Führung und sucht Kobayashi, der das verlorene DA sucht. Aber das Raumschiff ist groß und verworren. Seine Ausdehnung ist gewaltig. Ersten Berechnungen zufolge ist das Schiff eben so groß wie der Raum, den es durchmisst. Navigation und Messtechnik verschmelzen zu einer gemeinsamen Disziplin. Die Wissenschaft wird umgewidmet. Das Wort RAUMSCHIFF bekommt einen metaphysischen Klang. Die führungslose Mannschaft denkt intensiv über die Relation von RAUM und SCHIFF nach. Und über die Relation von MANN und SCHAFT. Und von MANN und RAUM. Und SCHIFF und SCHAFT. Legenden bilden sich und werden gebildet. Legenden zufolge soll sich Kobayashi im Innersten aufhalten, um die dort herrschenden Kräfte für die Suche nach dem verlorenen DA zu nutzen; oder damit ihn keiner hört.

Kobayashi wartet unterdessen auf die Rückkehr seiner Stimme. Chavela Vargas ist zwanzig Jahre lang gestorben, und sie hat allen Tequila Mexikos getrunken. Es gibt dort keinen mehr. So hat sie wohl diese Stimme bekommen. Vielleicht sollte Kobayashi es mit einem Schälchen Sake probieren … Kobayashi trinkt und singt japanische Schunkellieder. Das verlorene DA kann in allem verborgen sein. Auch in einem japanischen Schunkellied. Aber was passiert, wenn Kobayashi das verlorene DA findet? Nichts. Solange ihn keiner hört.

Die MANN-SCHIFF der RAUM-SCHAFT hört Kobayashi im Innersten nicht …

Die Sinnkriege I: Das Mandat

Kommander Kobayashi und die Raumfahrer der La Fenice haben das Privileg und das Mandat zur Sinnsuche inne. Das Mandat schließt die Sinnfindung mit ein und auch die Sinngebung und die Sinnschöpfung. Es gibt kein wertvolleres Patent. Jeder, der bei Sinnen ist, begehrt das Mandat zur Sinnsuche. Konzerne träumen von der seriellen Sinnschöpfung. Industrielle Produktionsformen. Sinn als Massenware. In der Theorie existiert schon eine komplexe Ökonomie der Sinnproduktion. Die Praxis wird folgen. Sinn, der nicht mehr auf Verstehen basiert, sondern auf seiner Anwendung. Weg von der Hermenautik, hin zur Verhaltenstherapie. Ein Sinnmonopol aufbauen, ein Sinnimperium, dass die Preise diktiert und die Moden. So massiv wird Kobayashi und den Hermenauten das Mandat zur Sinnsuche streitig gemacht.

Das Zeitalter der großen Sinnkriege beginnt!

Kobayashi und die Hermenauten sind jetzt Outlaws, Freiwild. Die Schonzeit ist vorbei, Kobayashi ist zur Jagd freigegeben. Großwildjäger gehen auf die Pirsch. Offen und verdeckt greifen Headhunter an, und Abenteurer fragen: Wie kann man sich auf die La Fenice einschleichen? Wo ist der schwache Punkt?

Die Raumfahrer lernen, verdeckt und offen zu kämpfen. Ihre Strategie ist die sinnige Bemerkung, die Umwertung aller Werte des Gegners durch ein sinnfälliges Wort. Wenn das nicht geht, (das geht nie) gebrauchen sie rohe, sinnlose Gewalt (das geht immer). Zartfühlende Sinnsucher dagegen besiegt man durch Klatsch und Tratsch. 

Der Komet  (Kobayashis Kindheit)

La Fenice stürzt durchs unendliche All. Ein Komet stürzt auf La Fenice zu. Er wird alles zerstören. Kobayashi träumt von seiner Kindheit in Japan.

Ma’ übernimmt die Führung, er kennt die Tradition: Ein Säckchen Salz muss geschwenkt, zwei Finger müssen gekreuzt, ein Sprüchlein muss gesagt werden, und beim Bau eines jeden Raumschiffs muss was Lebiges hinein. Ma’ kennt sich aus, er gibt Kommandos, die Kobayashi nicht gibt. La Fenice stürzt durch die Tiefen des Raums, ein Komet stürzt auf das Raumschiff zu, Kobayashi aber stürzt durch die Tiefen der Zeit. Er träumt von einer Kindheit in Japan: Ein Bachbett, ein Kind spielt. Und hinter ihm die Rampe, da entsteht das Raumschiff La Fenice. Der Konstrukteur sieht Kobayashi an, das Kind: Soll euer Schiff sich halten, so muss was Lebiges hinein! So wird das Kind, das Nahe der Abschussrampe im Bachbett spielt, ins Raumschiff geworfen kurz vor dem Start.

Kobayashi träumt von der Kindheit, die er nicht hatte. Ein tödlicher Komet stürzt auf La Fenice zu. Er wird alles zerstören.

Gos krankes Herz

Es offenbart sich, dass Kobayashi alleine das Raumschiff lenkt – mit seiner Stimme! Jeder der Raumfahrer versucht nun, der Reise mit seiner Stimme eine Wendung zu geben. Da entdeckt die Mannschaft, dass sie das Schiff nicht nur lenkt, sondern auch antreibt. (Ich fliege aber weiß nit warum, ich lenke aber weiß nit wohin, mich wundert dass ich so fröhlich bin.) Jeder könnte es sein, der, bewusst oder unbewusst, das Schiff antreibt mit seiner Stimme oder seiner reinen Existenz. 

Go hofft, dass sie es ist, dass sie das Schiff antreibt durch die Bewegung in ihrem Herzen. Die Raumfahrer zweifeln. Ist Gos wechselhaftes Herz dieser Verantwortung gewachsen? Sie versuchen Go vorsichtig beizubringen, dass sie vielleicht nicht qualifiziert ist, weil emotional nicht gefestigt. Weil sie so viel Hass empfindet, für Scrabble und andere. Weil sie sich so leicht in alles reinsteigert.

Der Zweifel der Raumfahrer macht Go rasend. Sie brüllt und tobt und beißt. Scheiße scheiße scheiße! Das Raumschiff reagiert sofort: Es trudelt, es stürzt, es weicht vom Kurs ab (welcher Kurs). Go, die das Unabänderliche nicht ertragen kann, wütet und tobt und sagt schlimme Dinge. Das Raumschiff reagiert, es kollidiert, es kollabiert. Wham Bam Thank You Mam!

OP

La Fenice wird zum Operationssaal. Eine Oper am offenen Herzen. Das ist nichts für zarte Gemüter. Kommander Kobayashi wird tranchiert, eine OP zum besseren Verständnis des unverständlichen Kommander. Die Hermenauten zerlegen Kobayashi in seine Einzelteile. Vielleicht gibt die Physis preis, was die Sprache verschweigt. Aber Kobayashis Anatomie ist genauso unverständlich wie der übrige Kommander. Genau darin sucht und findet Ma’ die tiefere Erkenntnis, die sonst ausgeblieben wäre. (Das macht doch keinen Sinn! – Eben.)

Dann gerät die Sache aus dem Ruder. Go klaut die Geschlechtsteile (oder das, was sie dafür hält). Jetzt will jeder der Hermenauten ein Souvenir. Scrabble frisst das Sinnloseste, was es finden kann: Kobayashis Gehirn (the grey matter). Jetzt fehlen Teile, sie müssen ersetzt werden. Scrabble wird in den offenen Kommander eingepflanzt. Als man die Wunde schließt, fehlt auch Go. Und wo ist Tii!? Ma‘ muss die Wunde wieder öffnen und steigt tief in den Kommander, um die fehlenden Hermenauten zu suchen.

Kobayashi, der die ganze OP bei klarem Verstand erlebt, öffnet den Mund und singt fortan als Chor.

Beeing Kobayashi

Go entdeckt überraschend einen Zugang zu Kobayashis Kopf und findet sich in einer reinen Kobayashi-Welt wieder: Alles sieht wie Kobayashi aus, alles hört sich wie Kobayashi an, alles schmeckt wie Kobayashi, und alle Zeichen sagen nur eines: Kobayashi. Schrift schreibt Kobayashi, Sprechen spricht Kobayashiund Singen singt Kobayashi Kobayashi Kobayashi. Go ist zu Tode erschrocken und sucht verzweifelt den Notausgang aus Kobayashis Kopf, bevor sie alle anderen Worte, Klänge und Zeichen vergisst. Wie war der Name dessen, was sie sucht – Nobayashi? Alles entgleitet Go. Sie weiß, sie ist verloren, wenn sie ihren eigenen Namen vergisst: Go … Go … Go … Gobayashi … ? Kurz vor der Selbstauflösung findet sie den Notausgang. Aber es bleiben Spuren zurück: Von nun an heißt sie Ko.

Während Go in Kobayashis Kopf ringt, machen die Hermenauten die erschreckende Erfahrung von Klarheit: Kobayashi macht verständliche Aussagen und gibt sinnvolle Anweisungen. Jeder der Raumfahrer durchlebt seine eigene, furchtbare Krise, die glücklicherweise ins Vergessen führt.

Der Versicherungsagent

La Fenice stürzt durch das unendliche All. Ein Versicherungsagent von der Allsecura schwebt vor der Tür. Ob man in diesem Raumschiff schon mal über die Sicherheit nachgedacht habe. Die Raumfahrer überstürzen sich mit ihren Fragen. Sicherheit ist ein Thema, dass ihnen auf den Nägeln brennt. Gibt es eine Versicherung gegen Indifferenz? Gibt es eine Versicherung gegen Inkompetenz? Gibt es eine Versicherung gegen das Fehlen einer Mission?

Gegen alles gebe es eine Versicherung, versichert der Agent. Er versichert Ma’ seines Vertrauens, Tii! seiner Aufmerksamkeit, Go seiner Wertschätzung, und Scrabble seiner Verschwiegenheit (wegen der Peinlichkeit seiner Exkremente). Kobayashi kratzt sich an der Nase.

Gibt es auch eine Versicherung gegen Kobayashi? Gegen alles gebe es eine Versicherung, versichert der Agent. Aber die Police gegen Kobayashi sei nicht billig, sie koste die Mannschaft die Glückseligkeit. Kobayashi sei ein erhöhtes Sicherheitsrisiko. Es sei zu empfehlen, ihn sofort zu entfernen. Die Raumfahrer erwägen diesen dramatischen Schritt, sie können sich aber nicht recht entschließen. Wie viel Sicherheit erträgt der Mensch, fragen sich die Raumfahrer? Was ist ein Leben ohne Unsicherheit? Was die Raumfahrer wirklich brauchen, ist eine Sicherheit höherer Art. Hat der Agent Kontakte zu einer höheren Macht? Das könne er wohl behaupten, schließlich sei er ein Agent erster G —

Ein marodierendes Trümmerteil erwischt den Versicherungsagenten, bevor er seinen Satz zuende bringt, und schleudert ihn in einen Strudel von Ereignissen, deren vielleicht letztes sein Tod ist. Kobayashi blinzelt einmal und gibt eine unverständliche Anweisung.

La Fenice stürzt durch das unendliche All …

Liebesplot 

Go erkennt, dass die ganze Sage und somit alles, was an Bord der La Fenice geschieht, nur eine Ausscheidung von Scrabble ist. (Vielleicht liegt es an Scrabbles Eigenurin-Therapie.) Go will die Geschichte in ihrem Sinne beeinflussen. Sie setzt Scrabble unter Druck, indem sie droht, Scrabbles heimliches Naschen von den Exkremente der Raumfahrer zu verraten. Na gut, sagt Scrabble. Was immer du willst. Scrabble verlangt dafür aber Gos sämtliche Ausscheidungen für sich allein. Go!, sagt Go. So schließen Go und Scrabble ihren Pakt.

Go will eine Liebesgeschichte mit Kobayashi.

Go hat eine Liebesgeschichte mit Kobayashi. Aber Go muss alles alleine machen: das Begehren, das Streiten, das Trennen und Wiederfinden. Alles Glück, alles Leiden und die ganze Eifersucht lasten allein auf Gos Schultern. Und warum kommt es nie zum Sex? Ganz einfach: Scrabble spinnt die Geschichte. Scrabble ist eine zwittrige Lebensform, die sich durch Knollenbildung fortpflanzt. Es kennt keinen Sex. Gib dir Mühe, altes Puzzletier! Ich kann Kobayashi nur verstehen, wenn ich ihn erkannt habe (versucht Go sich zu rechtfertigen).

Scrabble gibt sich Mühe. Kobayashi macht körperlich umständliche Dinge, die keinen erkennbaren Sinn ergeben. Go beschleicht eine Ahnung: Jetzt hat Kobayashi wirklich Sex! Aber was hat Go davon? Go muss Scrabble, der keinen Sex kennt, detailliert beschreiben, was sie erleben will, was Kobayashi mit ihr machen soll und was sie, Go, dabei fühlen soll. Während sie darüber spricht, fallen ihr unvorstellbare Dinge ein, alles was sagbar ist im Zusammenhang mit Sex. Na gut, sagt Scrabble. Wenn du das unbedingt willst.

Go hat wilden, abgründigen, unvorstellbaren Sex mit Kobayashi. Sie empfindet so viel, dass sie nicht mehr weiß, was sie empfinden wollte. Scrabble sieht zu und nascht von Gos Exkrementen. Allmählich findet Scrabble gefallen an Sex. Scrabble will mitmachen. Igitt um Gottes Willen nein nie im Leben naja gut. Go steckt Scrabble in die nächstbeste Körperöffnung und macht weiter mit dem wilden, abgründigen, unvorstellbaren Sex. Kommander Kobayashi nascht von Gos Ausscheidungen. Hör auf, sagt Go von irgendwo inside. Jaja, sagt Go. Kobayashi nascht wieder von Gos Ausscheidungen. Stop! Scrabble ist eifersüchtig und pocht auf den Pakt: Alle Ausscheidungen von Go sind nur für Scrabble allein. Verpiss dich, meint Go, und nascht von ihren Ausscheidungen. Jetzt ist Schluss. Der Pakt ist gebrochen. Scrabble zieht sich beleidigt zurück und lässt Go Dienst nach Vorschrift machen. Go kann sich an nichts erinnern. Aber sie hat alle Geschlechtskrankheiten, die es gibt auf der Welt.

Der Hund heißt Kobayashi 

Im Rahmen einer allgemeinen xenographischen Erhebung wird festgestellt: Kobayashi ist ein Hund. Wie nimmt die Mannschaft der La Fenice diese Erkenntnis auf?

Ma’ fühlt sich nicht länger an seinen Treueid gebunden und schlägt sich selbst als neuen Kommandanten vor. Go mahnt an, erst mal gar nichts zu verändern (sie bangt um ihre privilegierte Stellung), im Gegenteil, jetzt wo der Hund einen Namen hat, ist in der Kobayashi-Deutung der große Durchbruch zu erwarten. Scrabble (den es in Erwartung des Unsinns, den ein Hund von sich gibt, in den Verdauungsorganen kitzelt) stimmt Go eifrig zu. Vielleicht hat sich die Erhebung ja geirrt, versucht  auch Tii! abzuwiegeln (vielleicht aus Solidarität unter Xenolithen), kommt ja vor. Bloß keine voreiligen Schlüsse ziehen! Unauffällig versucht Tii!, Kobayashi ein wenig abzurichten – mit mäßigem Erfolg. Im Tagesgeschäft gerät das Ergebnis der xenographischen Erhebung bald in Vergessenheit. Der alte Trott schleicht sich ein, und nichts hat sich wirklich verändert. Kobayashi ist eben Kobayashi, ob er ein Hund ist oder ein Mensch. Wuff, denkt Kobayashi und kratzt sich hinterm Ohr.

Die Sinnkriege III: Angriff der Revuekultur 

Ein erbitterter Gegner für die Raumfahrer um Kommander Kobayashi sind die Verbände der Revuekultur. Sie agieren wie eine tausendbeinige Maschine, und sie singen wie mit einer Stimme dem unausweichlichen Happy End entgegen …

Scrabble kann nichts ausrichten, weil er in der restlos tautologischen Sinn-chronizität der Revuemaschinerie verhungert. Aber Ma’, der Mutige, schleicht sich im Glitterdress in die Chorusline ein und bringt mit einem falschen Schritt die infinite Serie der schönen Beine zu Fall …

Das letzte Revuegirl 

La Fenice greift das letzte lebende Revuegirl auf (verzweifelt versucht es, mit sich selber synchron zu tanzen). Das Girl will Kobayashi und die Hermenauten dazu bewegen, den geheimnisvollen Revueplaneten zu suchen. Dort hofft es, den Ursprung zu finden und die Zukunft zu verstehen. Um ihr Ziel zu erreichen beginnt das Revuegirl, sich in der Mannschaft der La Fenice hochzuschlafen. Mit untrüglichem Instinkt deckt sie die wahre Hierarchie an Bord der La Fenice auf. Go ist die erste, die das Revuegirl verführt, offenbar steht Go also an unterster Stelle der Kommandokette. Überraschender ist: Kobayashi ist nur die Nummer 2 an Bord. Wer ist also die Big Number One? Schalten Sie nächste Woche wieder ein …

Krieg der Zeiten 

Kobayashi lebt rückwärts. Er spricht rückwärts, und er denkt rückwärts, deshalb versteht man ihn nicht. So bewegt sich Kobayashi unaufhaltsam auf seinen Anfang zu, während alles andere dem Ende entgegeneilt.

Aber wo sind vorne und hinten in der Zeit, und in welcher Richtung liegt Rückwärts? Reißt Kobayashi nicht andere in seinem Fahrwasser mit, ist Kobayashi ein Malstrom der Zeit, ein Loch, durch das das Universum ausfließt, oder durch das Schmuggelware eingeschleust wird aus einer anderen, feindlichen Zeit.

Ein Krieg der Zeiten tobt. Ein Krieg, in dem die Kugel Jahrtausende unterwegs sein kann, bis sie trifft. Dieser Krieg bleibt unbemerkt.

Murder In Space 

Eine mitreisende Pilgerin versteht Kobayashi durch und durch. In kürzester Zeit hat sie das Schiff geordnet, die Mannschaft bestellt, die Mission bestimmt – und nun treibt sie tot im Datenpool. Ermordet. Aber von wem?  Ma’ gibt den Poirot. Der Fall ist eine harte Nuss. Jeder der Raumfahrer, so zeigt sich, hatte Motiv und Gelegenheit. Ma’ verdächtigt sogar sich selbst. Oder waren es alle? Doch am Ende bleibt nur eine Möglichkeit: Kobayashi wars! Aber war Kobayashi unter den gegebenen Umständen überhaupt noch Kobayashi?

Wirtschaftsstandort La Fenice 

Ma’ hat große Pläne mit dem Wirtschaftstandort La Fenice: Industrie will Ma’ ansiedeln und mit einer innovativen aber harten Tarifpolitik in nur 3 Jahren 2000 Stellen schaffen …

Wellness 

Der Betriebsrat der La Fenice fordert ein Sabbatjahr für alle Raumfahrer, einen Regenerationsurlaub auf einer Wellnessfarm. Tii! erkundigt sich: Die beste Wellnessfarm, die empfohlen wird, ist das Raumschiff La Fenice. Ist der Überlebenskampf in Wahrheit Chillout? Vielleicht müssen die Raumfahrer nur umdenken: das hier, mein Beruf, mein Kampf, mein Leben – das ist Wellness, das ist Erholung!

Gefangenenchor 

An Bord der La Fenice hört man hin und wieder von Ferne einen Gefangenenchor. Die Raumfahrer überlegen, ob sie die Bagage gelegentlich befreien sollen, weil das Singen mitunter nervt. Oder singen die auch wenn sie frei sind? Sind sie dann immernoch ein Chor? Singen sie weil oder obwohl sie gefangen sind? Sind sie gefangenimchor?

Was du willst 

Du kannst alles sein, was du willst. Aber du willst nicht. Du kannst einiges, fast alles. Aber wollen, das kannst du nicht.

Gos Albtraum 

Alle Raumschiffe der Fenice-Klasse sind serienmäßig mit einem Kommander Kobayashi ausgestattet und mit einem Empathen. Auf keinem der anderen Schiffe gab es je Probleme mit der Kommunikation, denn die anderen Empathen verstehen ihren Beruf. Verzweifelt versucht Go, ein Rendezvous mit dem Schwesterschiff Da Fenice zu verhindern, doch schon nähert sich das Bruderschiff El Fenice …

Ma’s Lied 

Kobayashi
Und noch viel mehr
Würd ich machen
Wenn ich Koba von Yashi wär.

Tii!s geballte Weisheit 

Schwarze Kühe geben auch weiße Milch. Der Kuckuck ruft seinen eigenen Namen. Der Teufel holt keine finnige Sau. Besser die Hand in einem Kuhfladen denn in fremdem Gelde. Zur Not steckt man blanke Schwerter in rostige Scheiden. Bleib daheim bei deiner Kuh, willst du haben Fried und Ruh. Wer alle Büsche scheut, kommt selten zu Holze. Kunst ist niemand Gram, als der sie nicht kann. Auf Rach folgt Ach! Nicht wieder tun ist die beste Buße.

Üble Nachrede 

Kobayashi hat schmutzige Hefte in seinem Spind. Kobayashi spielt immer an sich herum, er kann die Hände nicht von sich lassen.

Go hält sich Tiere, an denen sie empathisches Verstehen übt; die Tiere richtet sie übel zu und schließlich grausam zugrunde.

Ma‘ ist erst auf dem zweiten Bildungsweg Raumfahrer geworden, und nur, um junge Kadetten ins Bett zu kriegen.

Scrabble hat nie auch nur einen Satz verstanden, den es gesagt hat. Scrabble spricht alles laut aus, weil es sich sonst einfach nichts merken kann.

Tii! spuckt beim reden. Go ist Rassistin.

Ma‘ hat einen faulen Zahn.

Scrabble hat eingewachsene Zehnägel.

Kobayashi stinkt.

Ma‘ trägt nachts eine Zahnspange; trotzdem knirscht er im Schlaf mit den Zähnen und schnarcht.

Go tritt Scrabble, sobald niemand hersieht.

Tii! ist ein Agent des Raumschiffs (vom Raumschiff hervorgebracht und vom Raumschiff unter die Menschen gesandt) das sehr wohl eine Mission hat und diese auch erfüllen würde, wenn nur Kobayashi und die Hermenauten nicht wären …

Ma‘ nutzt jede Gelegenheit, in fremden Kolonien dem Sextourismus zu frönen. In den langen Nächten auf den interstellaren Routen hilft Go aus – ein unerquickliches, dumpfes Verhältnis blanker Sexualität, über das die beiden nie ein Wort verlieren. Sonst würde Go vielleicht ihre Träume offenbaren: Ma‘ möge sie auf den Strich schicken, aber nur als kostenlose Dreingabe

Scrabble bastelt in seiner Freizeit raffinierte Worthülsen und legt sie als Fallen aus: Wer sie liest oder hört, füllt sie mit Sinn und Bedeutung, und zwar randvoll. Es verschafft Scrabble große Erleichterung, wenn auch andere Sinn absondern, nicht immer nur Scrabble.

Ein neues Schiff 

Die Raumfahrer gründen eine Raumfahrtgenossenschaft, sie wollen ein Niedrigenergieraumschiff bauen, ein Modell mit fest eingebauter Mission …

 

ÜBERLEGUNGEN ZUR SCIENCE FICTION OPERNSAGA


Opernsaga

Kobayashi ist die Frage auf alle Antworten.
In einer Saga sollte man sich verirren können. Eine Saga ist ein eigener Kosmos von Figuren und Geschichten, von Hauptsträngen und verzweigten Nebenhandlungen, Aufgaben und Rätseln, von wiederkehrenden Motiven und ungelösten Fragen. Normalerweise sind Sagas alt (und kommen aus dem Norden). Der Kosmos, den sie erzählen, ist ausgewachsen und irgendwie vergangen. Kaum jemand hat einen vollständigen Überblick, aber jeder Erzähler hat seine heimliche Lieblingsfigur. Und ständig finden sich neue alte Quellen oder kitschige Nachdichtungen. Eine Opernsaga – insbesondere die um Kommander Kobayashi – ist vielleicht noch komplexer. Sie wird nicht nur ständig weitergedichtet, sondern wirft sich dabei in immer neue musikalische Welten. Jede Episode von Kobayashis Odyssee wird von einem anderen Komponisten erzählt. So entsteht nach und nach ein verwinkeltes, hybrides Universum von zeitgenössischer Oper, das sich beim Weitererzählen ausdehnt.

Mission

Eine Mission ist nicht bekannt. Vielleicht ist die Suche nach einer Mission die eigentliche Mission der Raumfahrer um Kommander Kobayashi. Oder ist Mission ein altes Statussymbol, zu dem man den Bezug längst verloren oder aufgegeben hat? Ist dieses Chaos vielleicht schon die zu sich selbst gekommene Form? Sind wir hier im Paradies oder auf verlorenem Posten?
Die Saga um Kommander Kobayashi handelt von einer langen Reise und der Suche nach einer Mission. An Bord des Raumschiffs La Fenice befinden sich außer dem Kommander noch die vierköpfige Besatzung der Hermenauten. Je weiter die Crew in das ungewisse Universum vordringt, desto brennender stellen sich sehr grundlegende Fragen: Worin besteht die konkrete Aufgabe? Können sie auf ihrer Fahrt überhaupt etwas bewirken? Ist das, was sie tun, auch effektiv und notwendig – oder wenigstens erwünscht? Oder treibt hier eine Gemeinschaft von Arbeitslosen durch Raum und Zeit? Sind die Manöver ihres Raumschiffs tatsächlich Such- oder doch eher Fluchtbewegungen? Jede Episode bietet neue Auflösungen dieser Fragen.
Die Truppe ist allerdings noch mit einem anderen notorischen Problem ausgestattet: Ihr Kommander selbst ist rätselhaft und unverständlich. Der Einsatz der Hermenauten als Übersetzer und Sinnsucher steht damit schon vor dem ersten Außenkontakt an. Das Motiv der erschwerten oder unmöglichen Verständigung zieht sich durch die einzelnen Episoden, quer zu den formalen, inhaltlichen und ästhetischen Dimensionen des Projekts: von Missverständnissen und Verwechslungen über die selbstreferenzielle Frage nach der schieren Textverständlichkeit des Operngesangs bis hin zur Entwicklung oder Entdeckung neuer Kommunikationsformen. Dahinter steht immer die Frage nach der prekären Verbindung von Text und Stimme und Musik. Im Mittelpunkt, auf ästhetischer wie thematischer Ebene, steht damit die Stimme, und insbesondere die Singstimme, mit ihren medialen Eigenschaften zwischen rationalsprachlicher Kommunikation und irrationaler, ekstatischer Expressivität; zwischen entgrenztem körperlichen Gefühl – sei es Jubel oder Gejammer – und sinnvollem Dialog; zwischen textverständlicher Syllabik und berückenden Melismen; zwischen nuanciertem psychologischem Gespräch und dem gellenden Schrei der Comicfigur bei ihrem Absturz.

Space Opera 

Kobayashi / Und noch viel mehr / Würd ich machen / Wenn ich Koba von Yashi wär.
Kommander Kobayashi ist eine Science Fiction-Saga, genauer: eine Space Opera. Die Besatzung eines Raumschiffs reist durch Raum und Zeit und begegnet fremden Welten. Trotzdem geht es nicht darum, eine Serie von neuen oder alten Abenteuern im Weltraum zu erzählen. NOVOFLOT sieht im Genre der Science Fiction eher die Möglichkeit, aus einem neugierigen, produktiven Blickwinkel auf bestimmte Aspekte der Oper zu sehen.
Science Fiction als Genre handelt von der Konfrontation mit dem Fremden, dem Phantastischen. (Natürlich geht es letztlich oft darum, das Fremde und Phantastische auszumerzen oder zu kolonisieren, sei es durch technisch-wissenschaftliche Erklärung oder direktere Gewalt. Aber meist bleibt ein phantastischer Rest, der nachhaltig süchtig macht.) Die Tatsache, dass das Fremde oder Neue fast immer böse ist, macht es nicht weniger faszinierend, im Gegenteil. Ein wichtiges Merkmal der Science Fiction ist etwa die Manie, auf alltägliche Fragen mit so aufregenden und paranoiden Erklärungen zu reagieren, dass dabei Weltbilder zusammenstürzen. (Warum sind meine Nachbarin / die Kinder auf der Straße / mein Freund so rücksichtslos und unsensibel? … Weil sie alle ›body snatchers‹ sind, von Außerirdischen besessen, die sich nachts in ihre Körper hineingefressen haben. Oder warum fühlt sich das Leben mitunter an wie ein abgekartetes Spiel, warum hat man Déja-vu-Erlebnisse? … Weil wir in einer ›Matrix‹ leben, der wir niemals entfliehen können und die bestimmte Programmierfehler hat usw.) Darin liegt eine paradoxe Technik der Entfremdung und Wiederaneignung, ein kreativer Umgang mit unbekannten oder unverständlichen Phänomenen. In einem solchen hypersensiblen, misstrauischen und spielerischen Verhältnis steht die Science Fiction-Opernserie zu den musikalisch-künstlerischen Entwürfen der einzelnen Episoden. Das allegorische Pathos einer Reise durchs Weltall ist im Falle der Irrfahrt des Kommander Kobayashi also nur geliehen. Unter den Vorzeichen von ›Mission‹, ›Zukunft‹ und ›Existenz‹ geht es um eine bestimmte Perspektive auf neues Musiktheater – und auf die kleine Mannschaft des Raumschiffs La Fenice.

Die Pilotfolge: 4 Hermenauten 

La Fenice stürzt durchs unendliche All. Ein Komet stürzt auf La Fenice zu. Kobayashi träumt von seiner Kindheit in Japan. 
In der Pilotfolge der Opernserie werden die vier Besatzungsmitglieder von Kommander Kobayashi einem individuellen Katastrophentest unterzogen. Vier Komponisten übernehmen je eine Patenschaft und präsentieren ihre Lieblingsfigur in einer besonders schweren Stunde: Ein Komet stürzt auf das Raumschiff La Fenice zu. Wie reagiert ein Hermenaut?
Juha T. Koskinen komponiert für Hermenaut Scrabble – eine nichtmenschliche Lebensform aus der Familie der Puzzletierchen. Scrabble arbeitet an Bord von La Fenice als Decoder: Wo immer sich sinnvolle Zusammenhänge verbergen, Scrabble wird sie finden und übersetzen. Diese Sinnproduktion ist aber nicht Ergebnis einer spezifischen Ausbildung, sondern das unvermeidliche Endprodukt des normalen Stoffwechsels eines Puzzletierchens. Scrabble schämt sich für dieses Geschäft. Juha T. Koskinen komponiert Scrabbles harten und widersprüchlichen Arbeitsalltag: die chaotischen Kollegen, die eigene Glanzleistung, die bohrende Scham darüber – und seine heftige, heimliche Affäre mit dem Kometen.
Moritz Eggert präsentiert in seiner Szene die empathisch begabte Hermenautin Go. Ihre Veranlagung macht sie zur wichtigsten Deuterin des unverständlichen Kommander Kobayashi. Go könnte daher ihren Kommander ganz einfach fragen, was angesichts des Kometen zu tun sei. Aber sie traut sich nicht. Was, wenn sie die Frage falsch formuliert? Wenn sie die Antwort nicht versteht? Wenn sie sich wieder in Kobayashi verliebt? Wenn sie versagt, wie jedes Mal? Eggerts Komposition treibt die ratlose, liebende, wütende Go in Hochgeschwindigkeit durch die Affekte – während der Komet ungebremst auf La Fenice zurast.
Aleksandra Gryka hat für Tii! eine berückende Ode komponiert, mit der sich die Hermenautin einen überzeugenden Auftritt verschaffen kann. Denn Tii! ist ein Risikofaktor. Jeden Morgen muss sie ihre Kollegen davon überzeugen, dass sie die richtige Tii! ist und nicht etwa ein feindliches Element mit Fernzünder. Tii!s Sirenengesang verzaubert die Hermenauten ebenso wie den heimlich angeschlichenen Kometen. Alles ist gut. Bis doch noch die verbotene Frage an Tii! gerichtet wird.
Ricardas Kabelis komponiert für den Steuermann Marten von der Jongg, Ma’ genannt wegen seiner mütterlichen Sorge und Strenge. Ma’ ist der Erfahrendste der Hermenauten und zugleich der größte Kritiker des unbestimmten, ungenauen Kommander Kobayashi. Als er nachts aufwacht und den Kometen entdeckt, wittert Ma’ seine Chance. Er wird ihn ganz allein besiegen, im einfachen Kampf, Mann gegen Mann. Ma’ vs. Komet. Für die anderen, schläfrigeren Hermenauten hat Kabelis ein kombiniertes Kampf- und Wiegenlied geschrieben, das alle übrigen Kometen in die Flucht schlagen müsste.

Helmut Oehring: Kobayashi singt (unter fremden Sternen) 

Für Helmut Oehring ist Komponieren eine Weiterführung seiner Muttersprache: Als Kind gehörloser Eltern aufgewachsen, sind die gestischen Zeichen der Gebärdensprache fester Bestandteil seiner Kompositionen. In seiner Folge gibt sich Kommander Kobayashi endlich zu erkennen – und zwar gleich in angemessen verwirrender Komplexität: Helmut Oehrings Partitur spaltet die Titelfigur auf in einen Gebärdensolisten, einen Sänger und einen Rockgitarristen. Zusammen geben sie uns einen Eindruck von dem erstaunlichen Abenteuer, Kommander Kobayashi zu sein: Ein eigenes Universum. Ein pulsierendes Tableau aus Projektionen, Stimmen, Gesten und Klängen, die sich gegenseitig übersetzen, belehren, ergänzen, sich ins Wort fallen und widersprechen. (Man erinnert sich an den Raumfahrer Ijon Tichy aus Stanislaw LemsSterntagebüchern und dessen Leid mit der Selbstvervielfachung.) Eine Geschichte will erzählt werden – Oehring nennt seine Komposition einen »anschaulichen Dokumentarbericht mit Musik« –, eine Geschichte über die Entstehung der ungezählten Kobayashis, die dieses Kobayashi-Universum bevölkern, einen Bericht über den Programmierfehler, der am Anfang stand, und über die Pläne, zurückzureisen und diesen Fehler zu beheben. Aber unterdessen bilden sich immer weitere Theorien, und Voraussetzungen und Folgen der Geschichte schieben sich hoffnungslos ineinander. Ist Kobayashi selbst eine Zeitschleife? Alles begann mit einem merkwürdigen Traum. Jemand sagte schlechtgelaunt zu mir: Du bist Gott, mach was!

Jennifer Walshe: Kommander Kobayashi #17: set phasers on KILL! 

In der von Jennifer Walshe komponierten Folge ist die Mission des Raumschiffs und seiner Besatzung ernsthaft in Gefahr – und das ausgerechnet in dem Moment, in dem sich erstmals abzeichnet, worin die Mission eigentlich besteht. La Fenice gerät in den Bannkreis einer fremden, stärkeren Macht, verkörpert und gesungen von Jennifer Walshe, die in ihrer eigenen Folge als Gaststar auftritt.
Die Hintergrundstory, die Walshe für ihre Episode konstruiert hat, wäre der Stoff für eine eigene Fernsehserie. Das Ausgangsszenario – fünf Raumfahrer ohne Mission, irgendwo – erhält hier eine plausible Erklärung: Irgendwann in der Vergangenheit dieser fernen Zukunft waren die Hermenauten Opfer eines medizinischen Experiments zu Rüstungszwecken. Der Versuch einer Immunisierung durch eingepflanzte Tiergene geriet außer Kontrolle. Die tödlich infektiösen, selbst aber omni-immunen, unsterblichen Hermenauten treiben seither im All, abgeschoben auf unendliche Lebenszeit. Weil ihr Gedächtnis manipuliert wurde, merken sie nicht, dass Kobayashi sie über die Jahrzehnte mit sinnlosen Scheinmissionen beschäftigt, um die Erde vor ihrer Rückkehr zu schützen. Was diese zeit- und ziellosen Raumfahrer eigentlich suchen, ist der Tod. Aber sie wissen es nicht. Kobayashi eröffnet den Hermenauten die ganze Wahrheit erst am Schluss, wenn es zu spät ist.
Die von Jennifer Walshe verkörperte einsame und heimatlose Kundschafterin Ine (selbst mit gewissen tierischen Aspekten) hat nämlich das, was die Hermenauten bräuchten: das Supergift, das immer funktioniert: eine kleine Plüschkuh. Nach einem erbitterten Kampf wird sie es schließlich selbst verwenden und die Hermenauten für immer zurücklassen.
Wie bei Helmut Oehring stehen auch in set phasers on KILL! die Themen ›Sprache‹, ›Sprechen‹ und ›Übersetzen‹ im Zentrum. Über weite Strecken der Oper kommunizieren die Figuren ausschließlich in verschiedenen Tierlauten – in einer Sprache, die Ine den Hermenauten eigens beibringen muss. Zuvor bilden deformierte Fragmente von Popsongs das Grundvokabular der Hermenauten. set phasers on KILL! ist ein schier undurchdringliches Netz (pop)kultureller Verweise. Zwischen Superman, Quentin Tarrantino, Odysseus’ Circe, John Dowland und William Shatner treiben Kommander Kobayashi und die Hermanauten durch ein Paralleluniversum kaum mehr zu entschlüsselnder Bilder, Figuren, Songs und Geschichten, die nichtsdestoweniger sämtlich das Schicksal der Crew beeinflussen könnten.

Was kommt

Ob man sich noch bewegt, ob man je ankommt, wo auch immer – man weiß es nicht.
Doch eine leise Ahnung schwingt in den Raumfahrern von La Fenice wie ein vertrauter aber kaum mehr wahrgenommener Klang: Es gibt noch etwas zu tun. Die Reise ist noch nicht zu Ende. Ein Fortkommen ist möglich durch eine konsequente Neubewertung der eigenen Situation. Schritt für Schritt, Quantensprung für Quantensprung lässt sich ein Weg zurücklegen, der mit bekannten Maßstäben nicht gemessen werden kann. Selbstauslegung ist die avancierteste Antriebstechnik, und die Raumfahrer um Kommander Kobayashi werden sie anwenden, um ihr Ziel zu finden oder ein anderes zu erreichen.

Fortsetzung folgt.

Sebastian Bark
Sagazitate: Tobias Dusche