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STAFFEL 2 – DIE FOLGEN

 

DIE ZERSTÖRUNG VON MOSKAU 
IST KEINE LÖSUNG

Das All ist unüberschaubar geworden. Geschüttelt von Impulsen der Veränderung haben sich Ursache und Wirkung, Gut und Böse ineinander verschoben. Die Hermenauten sind nervös und verunsichert, aber sie haben einen Plan. Jemand muss die Impulse ausschalten und zwar genau dort, wo sie entstehen: in Moskau.

Ma’, der standhafte Steuermann, wird losgeschickt, um die lästigen Veränderungsschübe anzuhalten (wer oder was auch immer sich dahinter verbirgt). An Ma’s Seite reist Kommander Kobayashi. Die Fernsteuerung der Mission übernehmen die Hermenauten auf La Fenice.

Der Blindflug nach Moskau glückt. Doch die Stadt selbst wird von unkontrollierten Veränderungswellen durchpflügt, wobei sämtliche topografische, kulturelle und private Koordinaten verwirbeln. Die Orientierung misslingt, und auch die Mission selbst scheint auf einmal unklar: Nach was sucht Ma’ eigentlich? Nach einem Verantwortlichen? Nach einem zentralen Schalter?

Zudem ist die Fernsteuertechnik unzuverlässig und der Kontakt zur La Fenice ständig unterbrochen. Und Kobayashi? Er lässt sich auf den undurchsichtigen Moskauer Machtprotz Sergej Pawlowitsch ein und steigt zu ihm in den Geländewagen …

Laika, eine wandelbare Hündin, Frau und Motorzentaurin, ist Ma’ gefolgt und nimmt den strauchelnden Steuermann an der Hand. Ma’ lässt nach und nach alle strengen Vorsätze fahren und begibt sich mit Laika mitten hinein in die nächste Welle. Er verliert sich in einem Rausch der Verschmelzung und Verwandlung.

Kobayashi befindet sich unterdessen mit Sergej Pawlowitsch in dessen Club Mausoleum. Von hier aus arbeitet Pawlowitsch an einem Kontrollsystem, mit dem er das unberechenbare Moskau in seine Gewalt bringen will. Die Hermenauten auf La Fenice sind davon begeistert. Aus der Ferne spüren sie den abtrünnigen Ma’ auf. Sie appellieren an sein Pflichtbewusstsein und treiben ihn und Laika in die Arme von Pawlowitsch. Dieser demonstriert an Laika die endgültige Unterdrückung aller Veränderung. Ma’, der diese grausame Operation nicht verhindern kann, wird von Schuld und Reue in die Verzweiflung getrieben. Er mutiert innerlich zu einem DING, das durch Moskau stampft, schreddert, malmt und tötet.

Die Hermenauten holen ihren verlorenen Steuermann heim auf die La Fenice.

 

SCREAM YOU

La Fenice stürzt durchs unendliche All. Das Stürzen ist Skandal. Der Skandal ist Normalfall. Aber plötzlich ist etwas anders. La Fenice stürzt durch Warschau. Die Hermenauten sehen sich an. War was? Von allen unbemerkt huschen die TWINS durchs Bild.

Die Twins sind eine Art Virus. Sie befallen ein System, nisten sich ein und machen sich unentbehrlich. Ihre Agenda ist Kontrolle durch Manipulation. Ihr wichtigstes Instrument: der Wirkstoff SCHREI. SCHREI ist eine akustische Droge, die den ahnungslosen Hermenauten eingeflüstert wird. SCHREI befreit. Es setzt ungeahnte oder lang gehegte Bedürfnisse frei und ermächtigt dazu, sie in die Tat umzusetzen. Und zwar sofort, egal auf wessen Kosten.

Gos geheimes Bedürfnis ist Macht über andere. Also erfinden die Twins für sie einen Auftrag als verdeckte Drogenfahnderin und setzten sie auf Tii! an. Unter dem enthemmenden Einfluss von SCHREI entwickelt Go dabei sexuelle Macht über Tii!. In einem absoluten Glücksmoment hat Go die Vision, dass sie, Go, alle befriedigen kann, so gut wie sonst keiner auf der Welt. Go wird süchtig.

Tii! dagegen, die ewig funktionierende Maschine, emanzipiert sich mit SCHREI zur ideologischen Agitatorin. Sie entwickelt ein neues, allgemein beglückendes Wirtschaftssystem, das sie jetzt und hier, am Wirtschaftstandort La Fenice, umsetzen wird.

Ma’ fasst nach dem Besuch der Twins einen Entschluss: Er will keine Verantwortung mehr tragen und verlässt für immer die Kommandobrücke.

Kommander Kobayashi scheint als einziger immun zu sein und lässt sich von SCHREI nicht beirren. Er vertieft sich in ein Warschauer Lied und studiert dessen Melodie und Verse.

Scrabble aber, das verdruckste Puzzletierchen, setzt einen lang gehegten Plan in die Tat um: Diese schmähliche, ewig abstürzende Existenz beenden. Einfach abschalten, was peinlich ist (also alles). Dinge, Einrichtungen, Gefühle, Personen. On/Off it! Eins nach dem andern. Die Twins stehen beratend zu Seite.

Die einzelnen Pläne und Visionen sind groß und geraten hart aneinander. Unterdessen entfalten die Twins ihren Einfluss auf La Fenice. Bis das entfesselte Puzzletier nebenbei auf die Idee kommt, auch die Twins abzuschalten. Sofort enden alle Effekte der Twins und der Droge SCHREI.

Katerstimmung. Das Aufräumen beginnt. Nur Kobayashi musiziert noch immer. Alles ist fast wieder beim Alten. Aber Scrabble braucht keine Droge mehr, um zu wissen, was es will: Es schaltet kurzerhand das gesamte All ab. On/Off it! Und: —

 

DER KOMMANDER UND SEINE HERMENAUTEN


Go 
ist die Empathin auf La Fenice. Ihre Aufgabe liegt darin, alle Vorgänge in und um das Raumschiff La Fenice (einschließlich den undurchsichtigen Kommander) intuitiv zu verstehen und zu deuten. Tatsächlich ist Gos Begabung aber nur schwach ausgebildet. Verständnis muss oft forciert werden. Wie jede Empathin sehnt sich Go nach Übereinstimmung beziehungsweise nach vollständiger emotionaler Kontrolle über ihren Einflussbereich.

Marten van der Jongg wird Ma‘ genannt wegen seiner mütterlichen Sorge und Strenge. Ma’ ist Steuermann von altem Schrot und Korn. Traditionsbewusst bis zum Aberglauben. Predigt Verständlichkeit, Sinnhaftigkeit und den bedächtigen Aufbau einer wiederholbaren Struktur. An Ma’ kann man sich halten. Fremde Lebensformen sind für ihn überflüssig und zeitraubend – am Ende muß doch er wieder alles saubermachen.

Tii! ist Technikerin, Mediatorin, Troubleshooter. Grenzenloser Optimismus. Tii! funktioniert wie geölt. Sie hält sich selbst für eine Maschine, die sich für einen Menschen hält. (Spielt Tii! ein doppeltes Spiel?) Niemand weiß, wie lange Tii! schon an Bord ist, aber alle sind sich einig, dass sie am Anfang noch nicht dabei war. Gibt es eigentlich etwas, das Tii! nicht kann? Oder nicht will? Heimlich und ganz nebenbei versucht Tii! herauszufinden, nach welchen Prinzipien sie selbst funktioniert.

Scrabble ist eine nicht-menschliche Lebensform aus der Familie der Puzzletierchen. Ihr Stoffwechsel zwingt die Puzzletierchen, alles Sinnlose in sinnhafte Kreuzwortstrukturen umzugruppieren. Sinn ist die peinliche Ausscheidung am Ende aller Stoffwechselprozesse. Scrabble sehnt sich nach Ruhe, endgültiger Ruhe – oder nach absolutem Chaos. Alles andere empfindet es als unangenehme Zwischenlösungen. Scrabble arbeitet an Bord der La Fenice als Decoder.

Kommander Kobayashi führt das Raumschiff La Fenice und die Hermenauten auf einer rätselhaften Suche oder Flucht durch Raum und Zeit. Sein Auftreten ist Ungereimtheit und sein Wesen Ungenauigkeit. Alles, was Kobayashi sagt oder tut, ist irgendwie unverständlich. Er ist wahrscheinlich ein Mensch von ungefähr japanischer Herkunft. Kobayashi ist die Frage auf alle Antworten.