Texts (DE)

STAFFEL 3 – DIE FOLGEN

 

Aoihana darf nicht sterben!

Von einer dunklen Ahnung getrieben, haben die Hermenauten ihre Empathin Go als Kundschafterin ausgesandt. In den Tiefen des Alls soll sie andere hermenautische Einheiten aufspüren. Gos Meldung aus der Ferne bestätigt die schlimmste Befürchtung: Die Hermenauten sind die Einzigen, die Letzten ihrer Art. Ihrer Kultur droht der Untergang. Die schönste Blume der Raumfahrt, AOIHANA, die Hermenautik, wird sterben! 

Das Publikum, das sich auf dem kleinen Platz vor der La Fenice eingefunden hat, will dem Aussterben der Hermenautik nicht tatenlos zusehen! Jede und jeder Einzelne hier ist bereit, sich bedingungslos hinzugeben, um AOIHANA zu retten. Vielleicht ist es noch nicht zu spät! Vielleicht ließe sich hier und jetzt, in letzter Minute, noch eine neue Generation zeugen. Nur wie, nach welchem Protokoll? An einem Ort zwischen Gebirg und Ebene, an einer dampfenden Bruchstelle verschiedener geotektonischer Platten zwischen den Städten hat Go ein Wesen aufgespürt, welches das komplexe Zeugungsritual kennt und bereit ist, die Zeremonie zu leiten: Die Meisterin von Budapest. 

Phase 1: Die Vorbereitung. 
Die Meisterin nennt ihre Bedingungen. Erstens fordert sie einen Vertrag, nach dem alle Risiken und Kosten der Zeugung an die Hermenauten fallen. Zweitens benötigt sie geeignetes Material für die Befruchtung: einen so genannten Stamm, der bereit ist, den Keim der Hermenautik in sich aufzunehmen. Die Hermenauten schlagen ein. Das geforderte Material liegt direkt vor ihnen: Das versammelte Publikum vor der La Fenice ist gerade gut genug, um den Versuch zu wagen. Zuvor muss dieser krautige Stamm nur noch gespalten, gereinigt und entleert werden.

Phase 2: Die Befruchtung. 
Der eigentliche Zeugungsakt erfolgt im Innern von La Fenice durch einen magisch-chirurgischen Eingriff. Und zwar in großer Eile: Eine knappe viertel Stunde beträgt die Aufmerksamkeitsspanne des entleerten Stamms. In diesem schmalen Zeitfenster muss – notfalls in mehreren Anläufen – der Keim der Hermenautik in den Stamm versenkt werden.

Phase 3: Die heikle Phase.
Die Hermenauten haben alles gegeben; jetzt liegt es nicht mehr an ihnen. Die Meisterin zieht sich zurück, um den Zustand der Keime zu überwachen; zu gegebener Zeit wird sie das Ergebnis der Zeugung bekannt geben. Die erschöpften Hermenauten müssen warten und hoffen und sich die Zeit vertreiben. Dazu werfen sie ihre Jukebox mit den drei Affekten an und singen im Wechsel von ihrer freudigen Hoffnung, ihrer Wut und dem nagenden Zweifel. Wird sich der Keim einnisten? Und wenn ja – wo? Wird AOIHANA weiter blühen? Oder ist die Hermenautik Geschichte?

 

Am Ende.

Gereizte Stimmung vor der Kommandobrücke. Die Vorräte sind aufgebraucht, Go ist verschwunden im All, und am schlimmsten: La Fenice bewegt sich nicht. Meuterei liegt in der Luft. Unerträglicher noch als ein unbekanntes Ziel ist zielloses Warten. Die Hermenauten fordern ein Kommando. Wie geht es weiter? Was jetzt? Wohin? – Mit einer einzigen Geste beantwortet Kobayashi alle Fragen: Es geht nicht weiter. Die Hermenauten sind angekommen.

Endlich erkennen die Hermenauten ihren Kommander, und alle Rätsel, alle Zweifel lösen sich auf: Kobayashi selbst ist der Tod. Bis hierher hat er seine Besatzung zurückhaltend und freundlich begleitet. Hier und jetzt gibt er sein erstes und letztes Kommando. Die Hermenauten trifft der Befehl unvorbereitet. Keiner von ihnen kann sich ohne weiteres hingeben. Und doch hat das Ende schon begonnen. Denn der Tod bekriecht die Hermenauten Silbe für Silbe: Alles Sprechen und Fühlen und jedes Ansinnen der Raumfahrer wird nach und nach ersetzt durch Ko – Ba – Ya – Shi.

Wann ist jetzt? Wie lange dauert es? Was bleibt noch zu tun? Ma’, der trotzige Steuermann, will seinem Kommander die Stirn bieten – und erkennt darüber als Erster die Unausweichlichkeit der Order. Er wird sterben, gut, aber die Welt soll immerhin wissen, was sie mit ihm verliert. In einer letzten Anstrengung macht sich Ma’ an den Bau eines Denkmals, mit dem sein Name alles überdauern wird, was da kommt.
Scrabble dagegen schert sich nicht um Anerkennung, im Gegenteil: Durch geschickte Selbstverkleinerung und Verleugnung versucht es, dem Kommander jede Angriffsfläche zu nehmen. Mit der eigenen Logik der Puzzletierchen arbeitet es eilig daran, die eigene Existenz bis ins Unendliche zu minimieren, sich dann in den dunklen Tiefen des Raumschiffs zu verirren, um dort für immer vergessen zu werden.
Genau dort, im dunkelsten Schacht, wird es von Kobayashi erwartet.
Und Tii!? Die ewig perfekte Tii!? Ihre Programmierung ist auf diesen Fall nicht eingerichtet. Welche Tii! soll denn weiter funktionieren, wenn Tii! aufhört? 
Um diesen vorauseilenden Kurzschluss abzuwenden, steigert sich ihre komplexe Mechanik in eine rasende Selbstkopierung. Wenn nicht mehr Tii!, dann trotzdem noch Tii! und immer wieder Tii!!

Der Kommander ist geduldig, aber entschieden. Die Hermenauten werden geschlachtet. Was bleibt ist Gesang und vier Silben. Kobayashi.

 

VERERBEN UND STERBEN

Das Erbgut: AOIHANA
Aoihana heißt auf japanisch ‘blaue Blume‘ und ist eine etwas beschönigende Metapher für das, was die Hermenauten vererben möchten: Die Hermenautik. Was ist das eigentlich? Die Hermenautik ist eine Kultur, ein Beruf und eine Weltanschauung. Sie entsteht und überlebt in einer äußerst unberechenbaren Umgebung, weit entfernt von dem, was gemütlich und vertraut ist: in den unendlichen Weiten des Kosmos der zeitgenössischen Musik. Verlässliche Karten gibt es hier nicht. Jede Begegnung in diesem Teil der Welt ist eine Begegnung mit etwas Neuem, möglicherweise Hässlichem oder Schlechtem, vielleicht auch Zartem und Kostbaren, jedenfalls Fremdem. (Zu manchen Zeiten wiederum erscheint den Hermenauten alles merkwürdig bekannt. – Ist dieser Kosmos von einer einzigen großen Familie bewohnt mit inzestuösen Linien und verfeindeten Clans? Einer Familie aus verlorenen oder vorgetäuschten Kindern, aus Findlingen und Bastarden, selbsternannten Geschwistern, gekauften Leihmüttern und angeblichen Übervätern?) Sicher ist: Jede der vielfältigen Lebensformen will für sich selbst gewürdigt und verstanden oder nicht verstanden werden. Die Hermenauten sind hart trainierte Spezialisten mit der Mission, sich selbst auszusetzen und allen Begegnungen einen Sinn oder wenigstens eine Erfahrung abzutrotzen. Die gängigen Techniken greifen selten, dazu sind die Bedingungen zu unberechenbar. Die wirksamsten Methoden der Hermenautik bleiben daher Neugier und Hingabe (und Misstrauen). AOIHANA, schönste Blume der Raumfahrt – wer will sie haben? Wer wird sie pflegen, wenn die Hermenauten gehen?

Die neue Generation
Vererben kann man sein genetisches Erbgut, kulturelle Werte oder ökonomisches Kapital. Mit diesem Gut werden die Nachkommen biologisch hergestellt und programmiert bzw. erzogen und kulturell geprägt oder materiell ausgestattet. Aber weshalb? Wenn schon sterben, dann wenigstens nicht aussterben.Durch das Vererben schließt man einen Kompromiss mit der eigenen Sterblichkeit: Ich gehe, aber mein Erbgut darf bleiben. Jemand wird mir ähnlich sein und die Dinge mit meinen Augen sehen; unsere Kultur wird bewahrt bzw. die Gattung bleibt erhalten oder wird verbessert. In der Praxis des Vererbens liegt der händeringende Wunsch, die Zukunft durch Geschenke zu manipulieren. Und in den meisten Fällen kann der Empfänger die Gabe nicht ablehnen. Entweder weil er aus diesem Erbgut selbst erst entsteht, oder weil die Erbschaft z.B. in Form kultureller Prägung frühzeitig eingebrannt wird. Zudem fordern die Vorfahren als Gegenleistung Anerkennung und den sachgemäßen Umgang mit dem Erbgut, also Tradition. Auf diese Weise belastet das Geschenk den Erben mit der Erbschuld. Für die kann man nichts, und man wird sie nicht mehr los.

Wie lange es dauert das Ende?
Der Tod wartet von Anfang an; jeder Atemzug und die meisten Handlungen sind eigentlich Manöver in einem Todeskampf, der lange vor der Geburt begonnen hat. Und wann endet das Ende? Nach den verschiedenen biologischen Sterbephasen zwischen Atemstillstand und Hirntod bleibt immer noch die Leiche. Und die durchläuft zwischen Verwesung und Bestattung eine Reihe von biologischen, technisch beeinflussten und symbolisch inszenierten Veränderungsprozessen. Das Ende der Hermenauten dauert mit allen seinen Etappen nur etwa eine halbe Stunde: Zunächst offenbart sich ihnen Kobayashi als Kommander Tod; sie sträuben sich und beginnen mit Denkmalbau und Selbstvervielfältigung ihre kulturelle Arbeit gegen das Verschwinden; schließlich gibt sich jeder hin und akzeptiert sein Ende; dann werden sie von Kobayashi geschlachtet und fügen sich in den Chor ein. Das Sterben vollzieht sich bei Klaus Lang als eine allmähliche Reduktion der Sprache. Silbe für Silbe wird der ursprüngliche Text des Librettos durch die Laute Ko, Ba, Ya, Shi ersetzt (bzw. durch verschiedene Homonyme im Japanischen), bis im Schlusstableau über dieses eine Wort hinaus kein Sprechen und keine Sprache mehr existiert.

Singende Zombies 
Es sind genau zwei Gefahren, die uns (und den Hermenauten) durch den Tod drohen: 1. das Verschwinden und 2. das Aufhören. Um dem tödlichen Verschwinden zu begegnen, lässt man etwas zurück – von einer (biologischen, kulturellen oder finanziellen) Erbschaft bis hin zu einem ägyptischen Monumentalgrab mit mumifiziertem Leichnam. Gegen die Aussicht, für immer aufzuhören – mit dem Denken, dem Genießen, dem Kontrollieren der Anderen oder des eigenen Bildes, ständig im Gespräch zu sein, in bestimmten Beziehungen zu stehen – hilft die Vorstellung eines Jenseits. Dort wird man dann wenigstens mit den anderen Toten irgendwie weitermachen. 
Und die Hermenauten? Sie dürfen dableiben und weitersingen – wenn auch nicht individuell als Solisten, sondern in einer Gruppe, synchronisiert mit unzähligen anderen Toten. Klaus Langs Idee vom Ende ist ein ziemlich optimistischer Kompromiss: ein vierstimmiger Chor der sich potentiell auf Ewig in aufwärts steigenden siebenstufigen Skalen hinaufschraubt. Im Gegensatz etwa zu Geistern, die nach ihrem Tod vereinzelt auftauchen, um ihr unerlöstes einsames Leben weiterzuführen, bleiben die Hermenauten als Gruppe hier. Sie werden gewissermaßen zu Zombies, zu Untoten, die nicht gehen, sondern wieder aufstehen und als stetig wachsendes Kollektiv einer einzigen Sache nachgehen: dem gemeinsamen Singen in sieben Tönen und vier Silben.

 

ZEUGUNGSSPRÜCHE 
DER HERMENAUTEN

Kacke, Scheiße, Kot
Bald sind alle tot.
Doch bevor wir sterben,
Brauchen wir nen Erben.
Rein raus rein
Du wirsts sein.

Sperma, Schlonze, Schleim
Hier ist unser Keim.
Bevor sie uns vergraben,
Muss ihn einer haben.
Ich drück den Keim
In dich hinein.

Schweiß und Blut
Uns gehts nicht gut.
Hier ist bald Schicht,
Kinder ham wir nicht. 
Wir brauchen eins
Und zwar deins.

 

AFFEKTE 
DER HERMENAUTEN

Freude und Verzückung

Alles ist gelungen. Der Wind jetzt ganz still. Ein Schwarm wilder Tauben im ersten Morgenlicht. Und dass mir keiner von Naja und Aber… glaub’s ja fast selber nicht.
Halt die Luft an! damit du wenn du dir in die Lippe beißt vor Glück nicht schreist!
Nichts kann besser sein. Der Wind übers Gesicht ganz heiß jetzt und in die intimste Kleiderschicht. Und dass mir niemand mehr von Scheitern… glaub’s ja fast selber nicht.
Halt still! damit dich das Glück nicht jetzt auf der Stelle zerfetzt!
Alles ist gut was der Wind mit mir tut. Alles ist gut.

Wut

Ihr habt nicht auf mich gehört / ihr habt den Vorgang nur gestört
Ich / gegen die Wand geredet / geschrieen / dann angerannt / wieder und wieder ran / an die Wand / Kopf und Hand / vertan / verkannt 
Sät Salz in die Furchen / sprengt die Felder mit Benzin / pflanzt Totgesagtes in die weiße Glut
Wham Bam Thank You Ma’am
Zählt die Schläge ins Gesicht / die teil ich aus / die treffen nicht mich / diesmal nicht

Zweifel und Verzweiflung

Ich hab alles gegeben, aber ist alles auch gut? Wenn einer Alles und nicht Etwas und zwar ganz Bestimmtes tut?
Und sollte nicht ein anderer und anderes als ausgerechnet ich?
Habe alles gegeben, aber ist alles nicht zu viel? Da nimmt was seinen Weg, das man auf diesem Weg nicht… verdammt! Kann man es stoppen, nochmal und anders…? Ist doch ein Witz, vielleicht hilft ja… HA HA HA